Massenet, wohldosiert, ist wundervoll. Ist duftende, luftige Klang-Kunst, ein fein gearbeiteter, delikat instrumentierter, effektvoller Klangzauber. Das hört man, wenn Vladimir Jurowski und das Deutsche Sinfonieorchester Berlin Massenets „Werther“-Veroperung spielen. Wie schwer Interpreten der Versuchung widerstehen können, die üppig orchestrierten Pfade des Helden mit bedingungsloser Über-Emphase nachzuschreiten, hört man hier allerdings auch: Nicht alle Details geraten präzise; nicht immer kommen die Tutti-Einsätze zumal der Streicher auf den Punkt und immer wieder gerät der Nachvollzug der angeschlagenen Tempi merklich zäh. Bestechend wirkt hingegen Jurowskis Umgang mit den klangfarblichen Delikatessen der Partitur, und der zahlreichen solistischen Anforderungen des Stücks entledigt sich das Orchester mit einiger Bravur.
Das Sänger-Ensemble ist auf sehr stimmige Weise zusammengesetzt. So gibt der Mexikaner Ramón Vargas den Werther mit ruhigem, genauem und dabei mit viel Schmelz geführtem Tenor; die Feinheit und Unverbrauchtheit seiner Darstellung wird freilich durch eine gelegentlich doch auffällige Unbeweglichkeit im Ausdruck etwas relativiert. In dieser Hinsicht glänzt dagegen Vesselina Kasarova als Charlotte: Zerrissen zwischen Leidenschaft und bürgerlicher Konvention fast wie eine Heldin Fontanes, entwickelt sie sich bis hin zum Schluss zu einer wahrhaft hingebungsvoll Leidenden. Christopher Schaldenbrand gibt einen klangschönen, hochkultivierten Albert und Dawn Kotoski ist eine angemessen leichtfüßige Sophie.
Das Ende der Liebeswirren schließlich ist dann auch dank Wladimir Jurowski ein so wundervoll trauriges, dass man von Massenet auch deshalb kaum genug bekommen kann, weil hier auf erfrischende Weise einmal nicht Trauer mit klingender Schwermut und Emphase mit orchestraler Klebrigkeit verwechselt wird.

Susanne Benda, 30.04.1999



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