Dass in Claudio Monteverdis (oft als „unmoralisch“ getadelter) letzter Oper erstmals seit Bestehen der Gattung Menschen aus Fleisch und Blut auf der Bühne stehen, hat ganz offenbar die Einstellung John Eliot Gardiners zum Stück maßgeblich geprägt: Bewusst wählte der englische Dirigent als Hauptdarsteller im intrigengesättigten altrömischen Treiben um Liebe, Betrug und Herrschermacht ein Ensemble intelligenter Sänger, deren lebendiger Impetus die Oper trägt und bis hin zur schlussendlichen Krönung der Poppea vorantreibt. Seinen tatsächlich insgesamt beeindruckend selbständigen und ausdrucksstarken Vokalsolisten überlässt Gardiner ein Höchstmaß an Gestaltungsfreiheit — vor allem in Belangen der Tempi und der dynamischen Nuancen. Sylvia McNairs mal neckisch tändelnde, mal eiskalt machtgeile Poppea und Michael Chances auf geradezu anrührende Weise unglücklicher Ottone bieten die exponiertesten Beispiele dafür, daß Gardiners Rechnung aufgeht; ihnen ist es in erster Linie zu verdanken, wenn es der Oper selbst durch das sterile Klanggewand der Tonkonserve hindurch nie an menschlicher Empfindung mangelt.
Ansonsten trägt Gardiner der Tatsache, dass jede Aufführung der „Poppea“ notwendig auch eine Bearbeitung der vorliegenden (lücken- und fehlerhaften) Quellen ist, dadurch Rechnung, daß er die Oberstimmen der Instrumentalsätze aus der verwendeten neapolitanischen Fassung im Sinne des Komponisten neu bearbeiten ließ. Um wieviel „authentischer“ dies die Oper am Ende machte, ist dabei indes weniger entscheidend als die Tatsache, daß diese Einspielung in ihrer vokalen Gefühlstiefe, in der Schönheit und Lebendigkeit ihrer instrumentalen Klanglichkeit wie insgesamt in der Agilität ihrer Rhetorik dem barocken Juwel zu neuem, faszinierenden Glanz verhilft.

Susanne Benda, 31.03.1996



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