home

N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



Dass in Claudio Monteverdis (oft als „unmoralisch“ getadelter) letzter Oper erstmals seit Bestehen der Gattung Menschen aus Fleisch und Blut auf der Bühne stehen, hat ganz offenbar die Einstellung John Eliot Gardiners zum Stück maßgeblich geprägt: Bewusst wählte der englische Dirigent als Hauptdarsteller im intrigengesättigten altrömischen Treiben um Liebe, Betrug und Herrschermacht ein Ensemble intelligenter Sänger, deren lebendiger Impetus die Oper trägt und bis hin zur schlussendlichen Krönung der Poppea vorantreibt. Seinen tatsächlich insgesamt beeindruckend selbständigen und ausdrucksstarken Vokalsolisten überlässt Gardiner ein Höchstmaß an Gestaltungsfreiheit — vor allem in Belangen der Tempi und der dynamischen Nuancen. Sylvia McNairs mal neckisch tändelnde, mal eiskalt machtgeile Poppea und Michael Chances auf geradezu anrührende Weise unglücklicher Ottone bieten die exponiertesten Beispiele dafür, daß Gardiners Rechnung aufgeht; ihnen ist es in erster Linie zu verdanken, wenn es der Oper selbst durch das sterile Klanggewand der Tonkonserve hindurch nie an menschlicher Empfindung mangelt.
Ansonsten trägt Gardiner der Tatsache, dass jede Aufführung der „Poppea“ notwendig auch eine Bearbeitung der vorliegenden (lücken- und fehlerhaften) Quellen ist, dadurch Rechnung, daß er die Oberstimmen der Instrumentalsätze aus der verwendeten neapolitanischen Fassung im Sinne des Komponisten neu bearbeiten ließ. Um wieviel „authentischer“ dies die Oper am Ende machte, ist dabei indes weniger entscheidend als die Tatsache, daß diese Einspielung in ihrer vokalen Gefühlstiefe, in der Schönheit und Lebendigkeit ihrer instrumentalen Klanglichkeit wie insgesamt in der Agilität ihrer Rhetorik dem barocken Juwel zu neuem, faszinierenden Glanz verhilft.

Susanne Benda, 31.03.1996



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Zum Warmwerden: Von Tenören, die gerne auf der Rasierklinge zwischen Kunst und Kommerz reiten, ist es ja bekannt. Das aber auch Instrumentalisten „ihr“ Weihnachtsalbum aufnehmen, hat Seltenheitswert. Zumal, wenn es auch noch so glückt wie im Fall des Harfenisten Xavier de Maistre. Der verbindet gleich mehrere Programmideen. So ist dieses Album nämlich nicht nur Begleitmusik fürs Weihnachtszimmer, sondern auch eine Verneigung vor einem großen Kollegen unter den Konzertharfenisten, […] mehr


Abo

Top