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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 6

Symphonieorchester des BR, Rafael Kubelik

Audite/Naxos 95.480
(72 Min., 12/1968) 1 CD

Als die Zuhörer am Nikolaustag des Jahres 1968 im Münchner Herkulessaal diese Mahler-Sinfonie hörten, dürfte vielen von ihnen Mahler noch ein Buch mit sieben Siegeln gewesen sein. Die Mahler-Wiederentdeckung hatte gerade erst ansatzweise begonnen; und Dirigenten wie Rafael Kubelik ist es zu verdanken, dass der "Zeitgenosse der Moderne" ins Konzertleben Einzug hielt. Heute sind Mahler-Aufnahmen Legion, und umso mehr erstaunt es, dass bereits diese Pionierinterpretation der Schallplattengeschichte überzeugt - und das so stark, dass man sich kaum jemanden nach Kubelik vorstellen kann.
Der Dirigent gestaltet ohne einen Hauch von Schönklang-Kompromiss (den ich zum Beispiel in vielen etwa zeitgleich entstandenen Bernstein-Aufnahmen wahrnehme) das neurotische Getrieben-Sein des ersten Satzes. Der Marsch geht nicht voran, sondern er verfolgt wie eine wahnwitzige Neurose, gleitet ab in die bizarren Visionen eines Fieberwahns, sodass sogar die oft heikel illustrativ wirkenden Herdenglocken als groteskes I-Tüpfelchen im psychopathischen Rahmen dieser Seelenlandschaft plausibel wirken.
Der dritte Satz, wahrhaftig ausgespielte Romantik-Erinnerung, vollzieht sich fast ohne Nachdruck als idyllische Insel in der Bedrohung, zu der das riesige Finale zurückfindet: die Mahler-Sinfonie als Klangrede, als "Musik über Musik" - dieses oft missverstandene (oder ignorierte) Konzept geht bei Kubelik voll auf.
Der Klangeindruck dieses Remasterings ist sehr transparent; auch im dicksten Orchesterklang ist jeder Kontrafagott-Einsatz deutlich zu vernehmen. Dass winzige Unebenheiten passieren und manches nicht hundertprozentig zusammen ist, unterstützt nur die spannende Live-Atmosphäre, vor der diese Einspielung geradezu birst.

Oliver Buslau, 13.12.2001



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