Ehrenrettung für Leopold Stokowski (1882-1977): Sein Image als von der Ideenwelt eines pompösen Betroffenheits-Barock beseelter Bach-Bearbeiter und Filmmusiklieferant für Walt Disney erfährt derzeit massive Aufbesserung. Vor wenigen Wochen erregte eine Neuaufnahme seiner eigenen Orchestertranskription von Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung" (unter Knussen bei DG) Aufmerksamkeit; nun ist er auf der vorliegenden CD in hohem Alter als überaus kompetenter und inspirierter Dirigent von Mahlers Zweiter zu erleben.
Erst als 81-Jähriger gab der gebürtige Londoner Stokowski (sein zeitlebens gepflegter osteuropäischer Akzent gehört zu den zahlreichen Merkwürdigkeiten, die seine Biografie vernebeln) sein Debüt bei den Londoner Proms als Dirigent des BBC Symphony Orchestra (ebenfalls veröffentlicht bei BBC Legends). Schon eine Woche später, am 30. Juli 1963, präsentierte er sich dort abermals mit ebenjener Version von Mahlers Zweiter, die auf dieser CD zu hören ist. Obwohl Stokowski das Stück davor erst ein einziges Mal dirigiert hatte, kann seine Interpretation, abgesehen von kleinen, für Live-Aufnahmen typischen Ungenauigkeiten, zweifellos als ein großartiger Moment der in jenen Tagen beginnenden Mahler-Renaissance gewertet werden.
Mit dem LSO stand Stokowski ein erstklassiges Orchester zur Verfügung, das seine Intentionen offenbar bis ins letzte umzusetzen verstand: Brillante Klangfarben-Regie und hohe Plastizität (man glaubt kaum, hier tatsächlich einen Mono-Mitschnitt vor sich zu haben!) zeichnen die Aufnahme durchgehend aus; die erschütternden Ausbrüche der initialen "Todtenfeier" gehen ebenso unter die Haut, wie die Rahmenteile des Andante moderato augenblicklich eine durchdringende Wärme evozieren. Das Scherzo, Mahlers geniale Adaption und sinfonische Verarbeitung seines eigenen "Fischpredigt"-Liedes, entfaltet unter Stokowski bei eleganter Grundgestimmtheit seine breite Wirkung zwischen Humor und Beklommenheit, zwischen ländlerhafter Behaglichkeit und augenzwinkernder Ironie. Im gewaltigen Auferstehungs-Finale stehen Stokowski mit Rae Woodland und Janet Baker sowie mit verschiedenen qualifizierten Chorvereinigungen bessere vokale Mittel zur Verfügung als vielen anderen Dirigenten dieses Stücks; schon das vorausgehende Urlicht kann schöner als von Janet Baker hier zelebriert kaum vorgestellt werden. Der angelsächsische Akzent der Chorsänger ist maßvoll, die Intonation hängt nur am Anfang ein wenig durch; dafür wird am Ende die nötige glühende Leidenschaft und Klanggewalt mühelos erreicht.

Michael Wersin, 24.04.2004



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