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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Es wird gerne gesungen und doch sind Haydns "Jahreszeiten" eines der am schwierigsten zu interpretierenden Werke der Oratorienliteratur. Der Biedersinn steckt dem Werk in den Knochen: Die Schilderungen der stets fröhlich durch grüne Auen wallenden rotbäckigen Jugend, das Lob des holden Fleißes und das geträllerte "heissa hopsa" oder "ei, ei" des Chores sind für den modernen Hörer nicht leicht zu verdauen. Zwar sorgte die historische Aufführungspraxis in den letzten Jahren für kleine Innovationsschübe: Man befreite sowohl Instrumentation als auch die zahlreichen drastischen Tonmalereien von Firnis; die Spaßgesellschaft war dankbar und ergötzte sich an schlankem Klang mit donnernden Gewittern, drollig schnüffelnden Jagdhunden und knallenden Büchsen. Seinen Spaß kann man so auch an Schuldt-Jensens Interpretation haben, welche die lockere Phrasierung und die detailreiche farbige Instrumentenbehandlung der historischen Aufführungspraxis auf modernen Instrumenten zu realisieren sucht. Das Handwerk stimmt, die Tongemälde leuchten in bunten Farben. Der Chor tritt aufnahmetechnisch etwas zurück, hochklassig sind dagegen zwei der Solisten: Andreas Karasiak mit seinem ausgeglichenen, strahlenden aber doch liedsängerhaft leichten und deutlich artikulierenden Tenor sowie die Sopranistin Sibylla Rubens mit ebenfalls kluger und lebendiger Artikulation sowie frischer und klarer Höhe. Doch genügt das? Nicht ganz: Zum einen gelingt es Schuldt-Jensen nicht immer, gegen die gerad-taktige Regelmäßigkeit anzumusizieren, die dieses Spätwerk auch prägt. Vor allem aber fehlt es den Interpreten über dem Spaß an den Details der Genrebilder an überzeugenden Gründen dafür, warum uns der Text heute doch anrühren sollte. Könnte die fröhliche Jagdszene nicht auch den Ernst des Überlebenskampfs spiegeln? Ist die Zurschaustellung des biederen Landvolks nicht vielleicht doch eine Provokation gegenüber dem dekadenten Adel? Kann Frühlingsluft noch heute trunken machen? Ein paar Fragen mehr sollte man an dieses Werk schon stellen.

Carsten Niemann, 16.06.2006



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