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Olivier Messiaen

Vingt regards sur l’Enfant-Jésus

Pierre-Laurent Aimard

Teldec/Warner Classics 3984-26868-2
(115 Min., 7/1999) 2 CDs

„Zwanzig Blicke auf das Jesuskind“ – dieser Titel ließe Sakralkitsch der schlimmsten Sorte vermuten, handelte es sich nicht um ein Werk des großen Mystikers Olivier Messiaen. Der gigantische Klavierzyklus, 1944 vollendet, repräsentiert eine der großen Manifestationen des katholischen Glaubens, wie sie Messiaen immer wieder zu Papier brachte.
Messiaens Religiosität haftet nichts Mönchisches an – in diesem Werk ebenso wenig wie in der „Turangalila-Sinfonie“ oder den „Visions de l’Amen“. Die Ekstase ist ebenso Teil seiner Weltsicht wie die Sinnlichkeit und der sein gesamtes Werk beherrschende Gesang der Vögel. Dem Harmoniebedürfnis des postmodernen Menschen, der Religiosität gern als friedliche innere Konfliktlosigkeit erleben möchte, sperrt sich eine solch allumfassende Musik selbstverständlich.
Schon rein technisch dürfte Messiaens Komposition in ihrer Überhöhung von lisztscher Virtuosität und impressionistischer Koloristik zu den Gipfelpunkten der Klavierliteratur zählen. Eine Darbietung dieses Werks jedoch, die sich auf den manuellen Aspekt beschränkt, wäre zum Scheitern verurteilt. Der Interpret muss über die Musik hinausgehen, den Hörer in jeder Einzelheit die Vision Messiaens spüren lassen.
Es ist diese visionäre Kraft, welche die Qualität der Interpretation von Pierre-Laurent Aimard auszeichnet. Aimards nutzt seine enorme technische Virtuosität nicht zur Selbstdarstellung, sondern zur volkommenen Identifikation mit dem Werk Messiaens. Anschlagskultur und rhythmische Akkuratesse sind vorbildlich, die geforderten enormen dynamischen Kontraste werden kompromisslos verwirklicht. Vor allem aber gelingt es Aimard, die Vielfalt von Messiaens Tonsprache von wilden, atonalen Akkordkaskaden bis zu Verzückungen im süßesten Dur zu einer überzeugenden Einheit zu verschmelzen. So werden die „Blicke auf das Jesuskind“ zu einer Entdeckungsreise.

Thomas Schulz, 31.01.2000



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