In wenigen Jahren hat Walerij Gergiew, der interessanteste und mit Abstand produktivste Dirigent im “neuen” Russland, das Ensemble des St. Petersburger Marinskij-Theaters zu altem Glanz zurückgeführt und es, nicht zuletzt durch seine zahlreichen vorbildlichen Schallplatten-Produktionen der großen russischen Opern, auch im internationalen Maßstab zu einer weltweit führenden Opernadresse werden lassen. Nach einem Dutzend durchwegs hervorragend beurteilter Aufnahmen wagte er sich jetzt an das zentrale Werk der russischen Opernliteratur, an Modest Mussorgskis monumentales Volksdrama “Boris Godunow”, und begab sich mit dem ganzen Kirow-Ensemble ins akustisch hervorragende Studio 5 von Radio Hilversum, um dieses Renommierprojekt unter idealen Bedingungen realisieren zu können.
Auch in der leidigen Fassungsfrage blieb Gergiew kompromisslos und hat erstmals beide verbürgten Versionen der Oper, nämlich die sogenannte “Urfassung” von 1869, sowie die “Originalfassung” von 1872 (mit dem eingefügten Polenakt) jeweils komplett aufgenommen und in einer Edition vereinigt. Man bekommt hier auf fünf CDs gleich zwei vollständige Versionen von Mussorgskis wichigstem Bühnenwerk angeboten, die gut zwei Stunden währende Urfassung und die in großen Teilen identische, auf drei Stunden erweiterte Originalfassung.
Um den lähmenden Effekt der puren Wiederholung (weiter Teile) auszuschalten, besetzte Gergiew die beiden Hauptpartien mit verschiedenen Sängern: In der ersten Version singt Nikolai Putilin den Boris, in der zweiten Wladimir Waneew, beide psychologisch differenziert und mit großem Ausdruck, und auch Grigorij, des Zaren Widersacher, wird von zwei Interpreten gestaltet. Damit betreibt Gergiew nicht nur eine absolut seriöse und musikalisch sehr eindrucksvolle Rehabilitierung der lange Zeit vestümmelten Originalpartituren und vor allem der herben Klangbilder Mussorgskis, sondern erbringt nebenbei den überzeugenden Leistungsnachweis für das - vor allem durch sein Engagement - wieder erreichte künstlerische Niveau an dieser traditionsreichsten Spielstätte der Stadt.
In der Version von 1872 gibt es immerhin zweiundzwanzig Solopartien zu besetzen. Und das sängerische Niveau ist durchwegs hoch, das Ensemble sehr ausgewogen und homogen, von “Gesangskrise” keine Spur. Man spürt in jedem Takt die Ehrfurcht, den tiefen Respekt aller Beteiligten, auch des hervorragend eingestellten Orchesters, vor diesem Monument der russischen Musikkultur, dem hier endlich einmal ein würdiges und auch akustisch vorbildliches klingendes Denkmal gesetzt wird. Selten kamen mir fünf Stunden “Abhörzeit” so kurz vor.

Attila Csampai, 31.01.1999



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

An den Feiertagen immer wieder dieselben Weihnachtsklassiker hören? Wem dabei potenziell eher langweilig wird, dem sei die CD „O heilige Nacht“ des Dresdner Kammerchores wärmstens ans Herz gelegt. Was dem Titel nach zunächst verdächtig nach traditionellen Arrangements klingt, entpuppt sich beim genaueren Hinschauen und Hinhören als vokaler Ausflug in eine Zeit, auf die für Weihnachtsmusik nur selten zurückgegriffen wird: die Romantik. So singt der Chor unter der Leitung von […] mehr »


Top