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Modest Mussorgski, Maurice Ravel

Bilder einer Ausstellung, Valses nobles et sentimentales

Ivo Pogorelich

Deutsche Grammophon 437 667-2
(61 Min., 1996) 1 CD

Das nennt man Repertoire-Politik: Zum dritten Mal in vier Jahren Mussorgskis „Bilder“ bei der Deutschen Grammophon – und im Katalog fünfzig Konkurrenten. Doch Ivo Pogorelich ist nicht irgendwer, er ist der König aller Klavierexzentriker, und er unternimmt auch hier wieder alles, um seinen Ruf nicht zu gefährden. Anatol Ugorskis hausinterne Konkurrenzversion, ebenfalls recht freizügig, verblaßt zum braven Akademismus.
Vielleicht benützt Pogorelich eine eigene Ausgabe des (philologisch an sich unproblematischen) Notentextes, denn seine dynamischen, agogischen und vor allem rhythmisch-metrischen Eigenmächtigkeiten überschreiten (wieder einmal) bei weitem das Maß des Erträglichen. Im klingenden Resultat hat es den Anschein, als würde Pogorelich die Interpretationsgeschichte auf den Kopf stellen und Mussorgskis guten Ruf (als Realisten) nachträglich desavouieren wollen – so unverfroren und konsequent betreibt er hier die Rückverwandlung des Antiromantikers und Anti-Illusionisten Mussorgski zu einem auf Klangeffekte, schmachtende Rubati und morbid-süße Stimmungen ausgerichteten Spätromantiker, zu einem „somnambulen“ Vorläufer Skrjabins oder Rachmaninows.
Pogorelichs kunstvolle Verwischungen des Metrums und seine „zeitlosen“ Mysterienspiele erweisen sich freilich als sehr zeitraubend: Mit lähmenden 42 Minuten für den Zyklus peilt er die untere Rekordmarke an und verweist Horowitz’ fünfzig Jahre alte Referenz-Version (29’30) in die Kategorie olympischer Sprint-Leistungen. Statt knochentrockenen russischen Stationentheaters erleben wir hier die schwankenden Albträume eines müde und ausgebrannt wirkenden Museumsbesuchers. Mussorgski glaubt, Tschaikowsky zu sein, und Pogorelich, sein „Dr. Freud“, bringt’s an den Tag.

Attila Csampai, 28.02.1997



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