"Amerika, du hast es besser": so darf man auch als eingefleischter Alteuropäer angesichts dieser Produktion seufzen. Jedenfalls dann, wenn einen an Barockopern nicht nur die Musik, sondern alle Teile des Gesamtkunstwerks faszinieren. Und da heißt es hierzulande meist noch: Musikalisch historische Aufführungspraxis ist o.k., szenisch historische Aufführungspraxis ist Museum. Im Osten der USA und von Kanada sieht das offenbar etwas anders aus. Dort ist man nicht nur auf europäische Einwanderervorfahren und historische Stadtkerne aus dem 17. und 18. Jahrhundert stolz: Man hat auch ein viel ungebrocheneres Verhältnis zur Tradition. Und das braucht man schon, wenn man diese hochpolitische Oper für Ludwig XIV. im Stil ihrer Zeit auf die Bühne bringen will. Dank langer Vorarbeiten und einem klaren Ja zu Bühnenbildern, Kostümen und vor allem Gesten im barocken Stil ist am Elgin Theatre Toronto in der ehemaligen Kolonie des Sonnenkönigs eine Produktion von nahezu perfekter Stimmigkeit entstanden. Die Rollen sind ausnahmslos mit fähigen Sängerdarstellern besetzt, welche die Eleganz und die rhetorische Beredsamkeit barocker Gebärden und barocker Mimik mit der Fähigkeit zur Charakterzeichnung verbinden; völlig fließend gestalten sich darum die Übergänge vom Schauspiel zu den zahlreichen Tanzeinlagen. Wo sich das Regietheater auf die Seelenzustände der barocken Protagonisten gestürzt hätte, vergisst Marshall Pynkoski nie den politischen Hintergrund der mythologischen Handlung – was der Oper eine ätzende Schärfe verleiht. Herrlich böse, wie etwa Ludwigs politischer Feind Wilhelm III. von Oranien als Bass singende Medusa verspottet wird. Der von Cyril Auvity verkörperte Persée ist dagegen alles das, was Ludwig der XIV. sein wollte (und nie war): Ein jugendlich schöner Held, der seine Heldentaten mit der mühelosen Gewandtheit eines Tänzers erledigt und vor dessen wunderbar entschlossenem klaren Tenor sich jeder freiwillig verneigt. Das faszinierendste aber ist, dass die Oper bei aller offenen Propaganda für den Sonnenkönig trotzdem Kunst bleibt und durchaus ein wahres Bild ihrer Zeit liefert: Gerade weil die höfische Etikette auf der Bühne so genau eingehalten wird, wirken die ironischen Bemerkungen, die sich die Rivalinnen um Persées Gunst mit lächelndem Munde zuwerfen, doppelt giftig und ihr Leiden im Korsett dramatisch überzeugender und ergreifender als jede küchenpsychologische Umdeutung durch eine moderne Regie. Wenn Museum so packend lebendig sein kann – dann nichts wie hin!

Carsten Niemann, 27.08.2005



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