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György Ligeti

Le Grand Macabre

Sibylle Ehlert, Derek Lee Ragin u.a., Philharmonia Orchestra, Esa-Pekka Salonen

Sony S2K 62312
(102 Min., 2/1998) 2 CDs

Im Sommer 1997 hatte sie in Salzburg Premiere: die Neufassung von György Ligetis bis jetzt einziger Oper “Le Grand Macabre”. Die ursprüngliche Version stammt aus den siebziger Jahren und tendiert eher in Richtung Singspiel - ein Genre, das dem skurril-brutalen Stück gar nicht schlecht zu Gesicht steht. Jeder Versuch, hier die Handlung nachzuerzählen, wäre zum Scheitern verurteilt; es geht, kurz gesagt, um einen vereitelten Weltuntergang im Fantasiestaat Breughelland. Jedenfalls finden sich Absurditäten, Situationskomik und derber Witz zuhauf.
Ligetis entschloss sich jedoch, aus dem Ganzen eine richtige Oper zu machen, komponierte ursprünglich gesprochene Stellen aus, verfeinerte die Instrumentation, strich einige allzu vulgäre Stellen aus dem Text und änderte auch die Sprache: das ursprünglich deutsche Libretto wird nun auf Englisch gesungen.
Der Witz der Oper hat unter der Umarbeitung nicht gelitten - das Pariser Publikum der Live-Aufnahme zeigt sich oft hörbar amüsiert. Zu bewundern ist vor allem die regenbogenfarbig bunte Stilmischung, die Ligeti - in brillantester Instrumentation - vor dem Hörer ausbreitet. Fast könnte man von einem Lehrbuch postmodernen Komponierens sprechen - ein Begriff, den Ligeti selbst sicherlich nicht gerne hören würde. Aber das meiste, was in diesem Jahrhundert ausprobiert wurde, findet sich eben auch im “Grand Macabre” - von expressionistischem Sprechgesang bis zum puren Belcanto, alles gleichermaßen überzeugend komponiert, nicht nur zitiert.
Und doch ist es diese Vielfalt, die gelegentlich eher verwirrt als fasziniert. Hinzu kommt, dass der Witz des Librettos, auch wenn Ligeti den Text bereits überarbeitet hat, doch eher dem kurzen Lacher entgegenkommt und sich beim mehrmaligen Hören bereits abnutzt. Ist es ein Zufall, dass die zarten, lyrischen Passagen - etwa die Schluss-Passacaglia - weit mehr überzeugen und im Gedächtnis haften bleiben als die zahllosen Prügeleien, Sauf- und Schimpfszenen?
“Le Grand Macabre” ist ein Werk, das seine Qualitäten weit mehr auf der Bühne unter Beweis zu stellen vermag als auf CD - warum auch nicht, schließlich handelt es sich um eine Oper. An der Aufführung unter Esa-Pekka Salonen gibt es nichts auszusetzen; die Sänger haben hörbar ebenso viel Spaß an der Sache wie das Publikum - der Kontratenor Derek Lee Ragin als Prinz Go-Go ist ein Glanzpunkt -, und Ligetis Musik vermag, trotz der genannten Einschränkungen, stets zu fesseln.

Thomas Schulz, 28.02.1999



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