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György Ligeti

Etüden für Klavier

Toros Can

L'empreinte digitale/Helikon 7 42495 31252 6
(54 Min., 4/2000) 1 CD

Über sehr wenige Werke der letzten zehn oder zwanzig Jahre lässt sich sagen, was für György Ligetis Klavier-Etüden gilt: Sie sind jetzt schon Klassiker. Ligeti, der humorvolle und ideenreiche Anti-Dogmatiker, bringt in ihnen das Kunststück fertig, die Klavierkunst in neue Dimensionen zu führen (und das wirklich nur auf den Tasten!) und gleichzeitig aufs feinste zu unterhalten. Die Mehrdimensionalität, die er in Stücken wie dem "Zauberlehrling" und "L'Escalier du Diable" erreicht, macht nicht nur Staunen, sondern auch Spaß. Verweise zu Chopin, Debussy, dem Jazz oder afrikanischer Musik leiten den Hörer, ohne sich aufzudrängen, und Ligetis Tonsprache klingt so frisch und aufregend, dass Fragen, ob es sich denn hier um tonale oder atonale Musik handelt, jeder Bedeutung entbehren.
Nicht umsonst erfreuen sich diese Werke bei wagemutigen Pianisten größter Beliebtheit. In diese Gruppe gesellt sich Toros Can, vor dreißig Jahren in der Türkei geboren, mit größter Bravour. Vor der als Referenz geltenden Einspielung mit Pierre-Laurent Aimard (siehe Rezension) braucht sich Can nicht zu verstecken. Er vertritt allerdings einen etwas anderen Interpretationsansatz. Lässt Aimard die Tradition romantischer Klaviermusik im Hintergrund aufscheinen, durch vielleicht ein kleines Vibrato oder weicheren Gebrauch des Pedals, agiert Can nüchterner, aggressiver, die architektonischen Aspekte der Musik hervorhebend.
Das zeitigt vor allem in den schnellen Etüden Wirkung - dergestalt, dass Cans Exaktheit fast einem von Conlon Nancarrows "Player Pianos" gleichkommt. Vielleicht lässt er im Vergleich zu Aimard zarteren Stücken wie "Fèm" ein wenig Poesie vermissen, doch dafür enthält seine Einspielung auch die beiden Etüden des dritten Bandes (von dessen Existenz das dürftige Beiheft gar nichts verrät), die Aimard noch nicht aufgenommen hat: "Pour Irina" und "A bout de souffle".

Thomas Schulz, 15.03.2001



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