„Vergangen ist der Mann – wach auf, Poet!“ Das hört sich nicht eben einladend an, wird hier doch der Liebe entsagt: Von einem vom Leben arg gebeutelten Künstler und Poeten, der gerade drei Akte lang in einer Nürnberger Weinschenke zunehmend zynisch und alkoholisiert seine bitterbösen Enttäuschungen in puncto Frauen ausgebreitet hat. Das Kneipenpublikum kommt auf seine Kosten, verliebt sich unser Held doch nacheinander in einen Automaten, eine durch Gesang sterbende Sängerin und schließlich in eine teuflisch gefährliche Dirne. Alle drei sind skurrile, tragische und zynische Fiktionen, Projektionen, die seiner einzigen wahren, aber ebenfalls unerfüllten Liebe gelten: Stella, die nebenan in der Oper gerade die Donna Anna in Mozarts „Don Giovanni“ singt. Real aber ist die Gestalt unseres Helden, E.T.A. Hoffmann, nachempfunden dem berühmten Dichter, Mozart-Verehrer und Kanzleibürokraten, der beispielhaft das romantische Generalthema verkörperte: die Diskrepanz von Kunst und Leben.
Offenbachs letztes und größtes Opus strotzt vor Bilderreichtum und psychologischer wie gesellschaftskritischer Vielschichtigkeit. Leider aber hinterließ er es unvollendet und etliche Szenen zudem in Zweit- und Drittfassungen – in einem Chaos von Bearbeitungen, die bis zu einer Stunde Aufführungsdauer differieren. Dieses Chaos dürfte nun ein Ende haben. Michael Kaye hat eine dramaturgisch schlüssige Version (mit Rezitativen statt Dialogen) besorgt, die Manuskripten den Vorrang gibt und eine glückliche Hand bei der Auswahl von Ur-, Zweit- und Bearbeitungsfassungen zeigt.
Kent Nagano steht der editorischen Meisterleistung mit einer zwischen Opulenz und feingliedrigem Kammerspiel wechselnden Partiturarbeit nicht nach, wobei seine beiden Nationaloper-Ensembles aus Lyon Vorbildliches an Präzision und Flexibilität an den Tag legen. Nicht alle Rollenprotagonisten halten dieses Niveau: Catherine Duboscs Musen-Sopran bleibt bei aller natürlichen Anmut mitunter flach, und José van Dam präsentiert den schaurig bösen Tetrapack von Hoffmanns Alter ego Lindorf/Coppelius/Dr. Miracle und Capitaine Dapertutto nicht dämonisch genug.
Dafür brillieren Natalie Dessay, Sumi Jo und (mit Einschränkung) Leontina Vaduva, die Titelheldinnen der drei Mittelakte; schlichtweg Akrobatisches gelingt Natalie Dessay bei ihrer schauerlichen Maschinen-Olympia. Und unser trotziger, verzweifelter, zynischer, zu guter Letzt durch Musenhand erlöster Titelheld? Roberto Alagna könnte in ihm seine Paraderolle gefunden haben, verleiht er ihm doch mit seinem hart anschlagenden Mittelregister und den phänomenalen Höhenstrahlen ungemein suggestive und glaubhafte Züge.

Christoph Braun, 30.06.1996



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Die Solopartiten und -sonaten von Johann Sebastian Bach gelten vielen als der Heilige Gral der Geigenmusik. Darf man sie anrühren, verändern, verfremden? Gefährliches Unterfangen! Doch andererseits haben schon so einige Instrumentalisten den Beweis erbracht, dass gerade Bachs Werke sich mit ihren Walking Basses für eine Begegnung mit dem Jazz und anderen moderneren Stilrichtungen hervorragend eignen. Nun hat Geiger Benjamin Schmid seine waghalsige und ziemlich überzeugende […] mehr »


Top