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Sergei Prokofjew

Klavierkonzert Nr. 3, Visions fugitives op. 22 (Auswahl) u.a.

Sergei Prokofjew, London Symphony Orchestra, Piero Coppola

Naxos historical 8.110670
(56 Min., 6/1932, 2/1935) 1 CD

Als eine Art Bilderstürmer der Pianogeschichte wird Sergei Prokofjew gerne dargestellt, gnadenlos stählern seine Werke herunternagelnd. So spielen ihn jedenfalls viele seiner Epigonen. Ebenso wie Rachmaninow wird er als Interpret seiner eigenen Werke nicht wahrgenommen, doch ebenso wie bei jenem könnten die Interpreten einiges lernen.
Prokofjew hört sein eigenes drittes Klavierkonzert viel milder, viel angereicherter mit Spuren des Spätromantischen als erwartet. Nun ist es nicht so, dass Prokofjew die perkussiven Passagen des Werkes entschärft, wir hören schon eine zupackende, hart ausmeißelnde Hand. Und doch kann er seine Herkunft aus der Anton-Rubinstein/Leschetitzky-Ahnenreihe romantischer Pianistik nicht verleugnen (immerhin war seine Lehrerin Anette Essipoff die zweite Ehefrau Leschetitzkys).
Wo der Komponist Prokofjew Forte schreibt, holzt der Pianist Prokofjew nicht los, sondern bildet einen durchaus schönen, voluminösen Klavierton, spart nicht am Pedal und dosiert die Höhepunkte sehr genau, anstatt sich im Dauertrommeln zu verschleißen. Noch überraschender ist, wie poetisch Prokofjew spielen konnte, wenn er wollte. Die Dolce-Kantilenen am Beginn der Durchführung, erst recht das folgende Sechzehntel-Rauschen sind von einer Leichtigkeit, ja Anmut, die wir in Prokofjews Ausdrucksrepertoire kaum erwartet hätten.
Dem leisen, fast verschwebenden Ton widmet sich auch seine Auswahl aus den „Visions fugitives“. Ganze 56 Minuten hinterließ uns Prokofjew als schnörkelloser, sensibler Interpret seiner Werke, aber die machen uns nachdenklich. Wie hat ihn die Interpretationsgeschichte zum entfesselten Monstrum stilisieren können?

Matthias Kornemann, 13.11.2001



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