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Sergei Prokofjew

Sinfonie Nr. 2, Sinfonie-Konzert für Cello und Orchester

Alexander Iwaschkin, Russisches Staatsorchester, Walerij Poljanski

Chandos 0 95115 99892 2
(79 Min., 12/2000, 5/2001) 1 CD

"Euch werd' ich's zeigen!" - so oder ähnlich muss Prokofjew wohl gedacht haben, als er sieben Jahre nach der heiter-ironischen "Symphonie classique" seine Zweite Sinfonie in Angriff nahm. Ein Werk "aus Stahl und Eisen" wollte er komponieren und lieferte in dem rücksichtslosen, ätzenden Dauer-Fortissimo des ersten Satzes den Schneidbrenner gleich noch mit dazu. Das Ergebnis ist eines der dissonantesten, brachialsten, ja schmerzendsten Orchesterwerke der sinfonischen Literatur - von einer Brutalität, die man ausgerechnet dem meist so stilvollen, eleganten Prokofjew wohl am wenigsten zutraut.
Da mutet es beinahe als bösartige Ironie an, dass die Sinfonie sich formal an Beethovens Klaviersonate op. 111 anlehnt. Wie diese besteht Prokofjews Sinfonie aus zwei Sätzen - einem schnellen Sonatensatz und einer Variationsfolge. Letztere gebärdet sich nicht so durchweg exzessiv wie der Kopfsatz; Prokofjew beglückt uns gar mit einem wunderschönen, gesanglich-melancholischen Thema, das er durch pittoresk-fantastische Klanglandschaften führt. Dann jedoch, in der letzten Variation, wird die Melodie in einem nie dagewesenen, gnadenlosen Exorzismus sadistisch zerstampft, bis sich nichts mehr rührt. Die schreienden Akkordballungen finden selbst bei Varèse kein Gegenstück, und die letztmalige Wiederkehr des Themas führt zu keiner Befreiung, sondern zu einem giftigen Verdämmern.
Im Gegensatz zu ähnlichen Ausbrüchen bei Schostakowitsch fehlt hier die innere Notwendigkeit und Unausweichlichkeit. Es scheint, als sei es die pure Lust an der Provokation, die den Komponisten antreibt: "Seht ihr, wie böse ich sein kann!" Faszinierend ist dieses sinfonische Ungetüm trotzdem, und Walerij Poljanski stellt in seiner Interpretation die Schärfen ungeschönt heraus - vor allem im Kopfsatz. Für die Variationen lässt er sich sehr viel Zeit, und ein wenig vermisse ich bei ihm die ironisch geschärfte Musizierlust, mit der Gennadi Roschdestwenskij in seiner zurzeit nicht erhältlichen Melodija-Aufnahme an diese Musik herangeht. Dafür präsentiert Poljanski die Katastrophe der letzten Variation in aller zermalmenden Wucht. Ein Tadel geht an die Plattenfirma, die für die Variationen nicht nur keine einzelnen Tracks anbietet, sondern auch die Tempobezeichnungen unterschlägt.
Vergleichsweise konziliant mutet das "Sinfonie-Konzert" an, eine grundlegende Umarbeitung des Ersten Cellokonzerts, die Prokofjew speziell für - und in enger Zusammenarbeit mit - Mstislaw Rostropowitsch anfertigte. Das Konzert zählt zu den bedeutendsten Schöpfungen der Spätphase Prokofjews und zu den technisch anspruchsvollsten Werken der Celloliteratur. Alexander Iwaschkin gelingt es wohl, die enormen technischen Hürden zu meistern, nicht immer jedoch, sie zu transzendieren - man hört, wie immens schwer dieses Stück sein muss. Es gibt gelungenere, mitreißende Einspielungen, nicht zuletzt mit Truls Mørk (Virgin).

Thomas Schulz, 03.10.2002



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