Obwohl es fraglos Vordringlicheres gäbe, als eine populäre Oper wie „La Bohème“ erneut aufzunehmen – zumal der Decca-Katalog über eine Aufnahme verfügt, die Referenzstatus besitzt (Karajan, Pavarotti, Freni) –, muss man einräumen, dass die Neuproduktion rundherum gelungen ist. Riccardo Chailly verwendete hierfür die von Francesco Degrada neu edierte Partitur, die zwar kaum nennenswerte Veränderungen des eigentlichen Notentextes erbrachte, dafür umso mehr jene Aufführungsbestimmungen wieder zu Tage förderte, über die sich im Laufe der Jahrzehnte die Patina einer gedankenlosen Tradition gelegt hat.
So erfahren bei Chailly die Tempoangaben eine genauere Beachtung; manches wird rascher genommen als sonst üblich, während die lyrischen Partien, etwa der zweite Teil des ersten Bildes, nachdrücklich ausmusiziert werden. Besonderes Augenmerk richtet Chailly, dem ein hervorragend disponiertes Orchester zur Verfügung steht, auf die dynamischen Abstufungen ebenso wie auf die unterschiedlichen Arten des Sprechgesanges, was dazu führt, dass die Musik „atmet“.
Angela Gheorghiu und Roberto Alagna, hier optimal eingesetzt, vermitteln ein Höchstmaß an Emotionen und bringen offensichtlich ihre aus vielen gemeinsamen Bühnenauftritten resultierenden „Bohème“-Erfahrungen ein. Einen temperamentvollen Marcello verkörpert Simon Keenlyside, während Elisabetta Scano mit ihrer flexiblen Stimme ein effektvolles Bild der leichtfertigen und koketten Musetta entwirft.

Norbert Christen, 30.04.1999



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Reisebeschränkt: Wer würde jetzt nicht gerne dem Alltagseinerlei entfliehen, etwa unter die Sonne Italiens? Auch der junge Johann Sebastian Bach muss sich für seine Sehnsucht nach Italien aufs virtuelle Gastspiel bescheiden, denn über die Alpen schafft er es zu Lebzeiten nie. Wobei er dabei auch weniger an Strände, Tempel und Sprizz gedacht hat, als an die aufregenden musikalischen Impulse, die von der jungen Konzertform ausgingen. Virtuoser Biss, leidenschaftlicher Überschwang, Balance […] mehr »


Top