Maria Guleghina ist eine Primadonna der Alten Schule: große Töne, große Gesten. Wenig dazwischen. Eine aufbrausende Tosca, eine mörderische Abigaille. Diese Frau als fragile, mädchenhafte, verführerische, verschwenderische, liebesgierige, kokette Manon Lescaut? Klingt nach Fehlbesetzung. Ist es aber nicht. Wir müssen Abbitte leisten. Guleghina beherrscht mehr als die große Geste, mehr als den großen, schweren, lauten Ton. Schon mit ihrem ersten Auftritt macht sie klar, warum die Familie sie in ein Kloster schickt: Wie die die Männer anguckt! Kein Kind von Traurigkeit, diese Manon. Eher bedenklich nymphoman und mit allen Wassern gewaschen. Noch ein Blick, und die Familienehre ist futsch! Die Riesenstimme fährt sie auf ein Minimum herunter: zart, leicht, scheinbar unschuldig, dabei farbig und üppig, doch nie fett, um im vierten Akt, wenn den meisten Kolleginnen die Luft ausgeht, so richtig aufzudrehen.
Ihr Des Grieux, Jose Cura, ist nett anzusehen. Lucio Gallo verausgabt sich eindringlich als Lescaut. Riccardo Muti schwelgt schulmeisterlich in Puccini. Die durch und durch traditionelle Inszenierung Liliana Cavanis liefert den angemessen dekorativen Hintergrund für Guleghinas Augenaufschlag.

Jochen Breiholz, 23.12.2005



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