Bei aller Meriten, die William Christie sich rund um das barocke Musiktheater erworben hat, sind seine Aufnahmen oft von erstaunlicher Halbwertszeit. Besonders, wenn Kollegen wie Marc Minkowski oder René Jacobs zum komplex gestalteten Gegenangriff ausholen und dem 17. und frühen 18. Jahrhundert auch das notwendige Lokal-Kolorit zurückgeben. Die Einspielung von Henry Purcells Opernerstling "Dido und Äneas" durch Jacobs markiert so eine Rückkehr auf die Insel, die der Wahl-Franzose Christie in seiner Aufnahme 1995 (siehe Rezension) partout nicht aufsuchen wollte. Womit Jacobs jetzt auch die Doppelbödigkeit transparent herausschälte, mit der Purcell 1689 neues Musiktheater-Ufer betrat.
René Jacobs verbindet die musikalischen Unterhaltungsmaßnahmen englischer Maskenspiele und die elisabethanische "Malady" zu einem Organismus, in dem keiner der immerhin 39 Sätze als Schaustück exponiert wird. Stattdessen hat Jacobs mit seinen bewundernswert flexiblen Mitstreitern die Balance gefunden, um den dramaturgischen Fluss selbstbewusst neben klangliche Authentizität zu stellen.
Dabei tritt gerade der Chor als typisch englischer Opern-Motor für die gestenreichen Kontaktstellen zwischen den furiosen Instrumentalsätzen und tiefdunklen Solo-Arien in Aktion. Mal übernimmt er mit schwungvoller Frische die clownesken Charakterstudien, die der Kontratenor Dominique Visse als Hexe bietet. Zum anderen formt der Chor in der rhythmischen und melodiösen Beherrschung jene Melancholie, jenen Schmerz weiter, den Lynne Dawson und Gerald Finley in den Titelpartien mit höchstmöglicher Sogkraft entfalten. Es ist eine bis in die Nebenrollen exzellent besetzte Aufnahme mit tonpoetischen Spannungs- und Entspannungsbögen, die den hintergründigen Umfang dieses Dreiakters konkurrenzlos zur Geltung bringt.

Guido Fischer, 22.03.2001



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