Was für ein Spektakel! Selten ist eine Barockoper so drall und kurzweilig auf eine heutige Bühne transformiert worden wie vorletztes Jahr, als Jürgen Flimm und Nikolaus Harnoncourt in der Salzburger Felsenreitschule sich "King Arthur" vornahmen. Dabei ist dieses von John Dryden erdachte, von Purcell mit hinreißender Musik bedachte Werk von 1691 ein chaotisch überliefertes Sammelsurium von Texten, Szenen, Musik- und Tanzeinlagen sowie schauspielerisch-sängerischen Doppelbesetzungen der Rollen, mithin gar keine "Oper" im geläufigen Sinn (auch keine britische semi-opera, da die Musik hier durchaus konstitutiv und nicht nur Beiwerk ist). Das alles unter einen wenn auch nicht streng handlungslogischen, so doch höchst unterhaltsamen Bogen von fast drei Stunden Dauer gebracht zu haben, ist an sich schon eine bemerkenswerte Leistung.
Dazu gehört bereits die Salzburger Bühnenanordnung: Harnoncourt dirigiert seinen vortrefflich aufgelegten Concentus musicus in runder Vertiefung mitten auf der Bühne, als wäre die Musik gewissermaßen die Insel der Seligen, um die herum die Welt sich wild im Reigen der Protagonisten dreht. Flimm lässt diese in rastloser Bewegung agieren (überraschend fit, auch gesanglich, der Wiener Staatsopernchor) und vordergründig Drydens Kriegsstück aufführen, wonach die frommen Briten die heidnischen Sachsen-Eindringlinge vertreiben. Aber dieses patriotische Männerspiel ist ebenso wie die integrierte Lovestory (der Heidenführer Oswald begehrt nicht nur Arthurs Britannien, sondern auch dessen Verlobter Emmeline) für Flimm nur Folie, auf der das barocke Welttheater mit all seinen "Menschlichkeiten" und Verrücktheiten zu bestaunen ist und das neben Kriegern und Königin allerlei guter und böse, also christliche und heidnische Zauberer, Erd- und Luftgeister, Nymphen, Schäferinnen und sonstigen allegorischen Gestalten mitsamt Luftschiffen und anderer Bühnen-Apparate inszenieren (großartig vor allem Alexandra Henkel als Philidel und Werner Wölbern als Grimbald). Das alles will barockes Entertainment sein und ist es auch im besten Sinn. (Harnoncourt selbst spricht vom "ersten Musical der Geschichte"; allerdings mag man Purcells Genietaten nicht so direkt mit dem in Verbindung bringen, was heutzutage unter "Musical" firmiert).
Zu dieser Show gehört natürlich, dass nichts, weder die Schlachten noch der Liebeskampf allzu heroisch bzw. christlich-moralinsauer ausfallen. Im Gegenteil: wie Flimm die "Victory"-Rufe der Briten mit gigantischen Videobildern von Massenkriegsgräbern des Zweiten Weltkriegs konterkariert oder die heidnischen Opfergaben Oswalds in Gestalt dreier barbusig-schöner Jungfrauen präsentiert, das provoziert genauso wie Michael Maertens als Parsifal-tumber Arthur à la Monty Python-Persiflage amüsiert. Eine gehörige Portion Anzüglichkeiten respektive Lebensweisheiten tut da ein Übriges (wie zum Beispiel "Ich habe davon gehört, wie sich zwei Körper vereinen / Wie aber Seelen sich vereinigen, das weiß ich nicht", oder auch: "Schon bald nach Spiel und Scherzen zahlen wir Mädchen die Zeche mit Schmerzen").
Zu den genialen Regieeinfällen gehört natürlich die berühmte, von Oliver Widmers Bariton-Bibbern fulminant gestaltete Frostszene. Wie diese allerdings in die sonnendurchflutete Hymne auf Cupido respektive die lebensspendende Liebe überführt wird, das ist einer jener durchaus berührenden Momente der Inszenierung fern aller Komik, auch wenn diese Ernsthaftigkeit wiederum von Flimm mit Badestrand-Assoziationen gebrochen wird. Ein wirklicher Hit gelang gegen Ende: mit seinem vom Publikums-Refrain aufgepeitschten und mit Schlagzeug verstärkter Concentus-"Band" begleiteten Sauflied "Your hay, it es mow‘d" ("Euer Heu ist gemäht") kann Michael Schade als Mikrofon bewehrter Rockstar auch Robbie Williams in den Schatten stellen. Wenn sich dann die Inszenierung noch selbst aufs Korn nimmt, Harnoncourt die Pudelmütze (des musikalischen Narren?) aufs Haupt setzen lässt und schließlich die Salzburger Festspielneurosen auf Seiten des zahlungskräftigen Publikums wie auch der neuen künstlerischen Leitung durch den Kakao gezogen werden: dann sollte auch der letzte naserümpfende Verteidiger der Hochkultur-Festspiele-Klassiker schmunzeln können. Alle anderen dürfen begeistert sein.

Christoph Braun, 14.01.2006



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