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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Man In The Air

Kurt Elling

Chrysalis/EMI 5909482
(66 Min., 1/2003) 1 CD

Jazzgesang ist derzeit fürchterlich en vogue. Jede Plattenfirma schaut in ihrer Kartei nach, ob sie nicht noch irgendwo eine neue Norah Jones in der Warteschleife zu hängen hat. Und wenn nicht, auch egal, dann wird eben eine Compilation mit alten Diven-Aufnahmen herausgehauen. Was man nie für möglich gehalten hätte: Es ist inzwischen sogar eine CD namens "Kuschel-Jazz" erschienen. Gibt es noch Hoffnung?
Ja, die gibt es. Sie ist 35 Jahre alt, kommt aus Chicago und heißt Kurt Elling. Fünf Platten hat der Mann bislang aufgenommen und dafür insgesamt sechs Grammy-Nominierungen erhalten. Seine neue Einspielung zeigt mal wieder die Ausnahmestellung des intellektuellen Pracht-Baritons in der zeitgenössischen Vokal-Szene. In seiner Altersklasse kann ihm niemand das Gurgelwasser reichen; man muss ihn schon mit Altmeistern wie John Hendricks oder Mark Murphy in einem Atemzug nennen. Von dem einen hat er sich die selten gepflegte, weil so unendlich komplexe "Vocalese"-Technik abgeschaut, bei der legendäre Instrumentalisten-Soli silbengenau in Texte übersetzt werden, von dem anderen stammt der sanfte Brustton der stillen Verzweiflung.
Auf "Man In The Air" kombiniert Elling diese Errungenschaften zu einer Achterbahnfahrt für den Kopf. Begleitet von seinem regulären Trio, das um den Vibrafonisten Stefon Harris verstärkt wurde, bearbeitet er Stücke wie Coltranes "Resolution"-Gebet aus der "Love Supreme"-Suite, Joe Zawinuls Fusion-Ballade "A Remark You Made" oder Grover Washingtons Säusel-Schmonzette "Winelight" mit dem Rüstzeug seiner poetischen Wortfindungsgabe. Erstaunlich sind die Ergebnisse: allesamt schlüssig, geschmackssicher und virtuos zurückhaltend. Und doch: Da ist manchmal zu viel Kunstfertigkeit und ein bisschen zu wenig Emotion im Spiel. Als bewundernswerter Retter seiner Zunft geht Kurt Elling trotzdem durch.

Josef Engels, 06.09.2003



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