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Seismo

Jürgen Friedrich

Pirouet PIT 30172
(45 Min., 1/2005) 1 CD

In der Jazzgeschichte gab es nur wenige Trios, deren Mitglieder so intensiv miteinander kommunizierten wie der Pianist Jürgen Friedrich, der Bassist John Hebert und der Schlagzeuger Tony Moreno. Bill Evans, Keith Jarrett, Joachim Kühn, Myra Melford deuten das Niveau an, auf dem sich der Kölner und seine amerikanischen Partner nun schon zum wiederholten Male bewegen - selbstverständlich mit einem völlig eigenen Ansatz. Ihre Musik ist so weiträumig und offen, so harmonisch und freundlich, so sparsam und reich, dass sie unverwechselbar ist. Hier gibt es nichts Überflüssiges. Jeder Ton, jeder Akkord, jeder Schlag mit dem Besen oder Stick, jede Verzögerung, jedes Warten, jedes Fließen hat seinen Zweck. Die drei spielen Ensemblemusik im besten Sinn des Wortes. Jeder nimmt sich zurück und ist doch stets präsent, und jeder wechselt fast unmerklich zwischen Vorder- und Hintergrund. Dieser permanente Wechsel ist so fein ausbalanciert wie ein kurzfristiges, enorme Spannung erzeugendes Anziehen oder Vermindern von Tempo und Intensität. Dabei kann es sich das Trio sogar leisten, auf zugkräftige Themen aus dem großen Buch der Standards zu verzichten. Stattdessen folgen sie in sechs Titeln von Jürgen Friedrich und zwei von John Hebert ausgefuchsten Stimmungsbildern, deren Themen schon von vorn herein mehr sind als eine Melodielinie, nämlich ein Konzept mit einer durchdachten Struktur. Sie aufzubauen, ihr zu folgen, sie zu variieren ist Substanz der zwölf Titel. Kaum ein Hörer wird nachher eine Melodie pfeifen können. Die kommunikative Stimmung, der permanente Wechsel der Farben, das Warten und Loslegen, die Vereinigung und das Widersprechen, das beständige Ineinandergreifen und die unendlich tiefe Harmonie leben dagegen noch lange nach dem Ende der CD im Hörer weiter. Eine herrliche Platte!

Werner Stiefele, 21.04.2006



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