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Belly Of The Sun

Cassandra Wilson

Blue Note/EMI 5 35072-2
(60 Min.) 1 CD

Ist Cassandra Wilson eine Jazzsängerin? Eigentlich nicht. Wenn man von ihrem Album "Blue Skies", das sie im Februar 1988 einspielte, sowie der Co-Produktion "Rendezvous" von 1997 mit dem Pianisten Jackie Terrasson absieht, bewegte sie sich mit ihren Platten für das Label JMT im Grenzgebiet von Jazz, Rhythm & Blues, Hip-Hop und Funk, und seit ihrem Wechsel zu Blue Note in der Nähe von Folk und Singer/Songwritern. Recht bald benannte sie in Interviews Joni Mitchell als größtes Vorbild - also auch keine Jazzsängerin.
Insofern verwundert es nicht, dass ihre neue Platte "Belly Of The Sun" zwischen Folkblues und der Singer-/Songwriter-Tradition angesiedelt ist und kaum Jazzbestandteile aufweist. Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, warum sie runder und schlüssiger als Cassandra Wilsons 1998 eingespielte Hommage an Miles Davis "Travelin' Miles" klingt.
Cassandra Wilson hat "Belly Of The Sun" in Clarksdale aufgenommen, einer Stadt in ihrer Heimat am Mississippi. Sie mietete ein ehemaliges Eisenbahndepot für die Aufnahmen - aber die vereinbarte Zeit reichte nicht aus, so dass sie den vom singenden Gitarrenklang geprägten Delta-Blues "You Gotta Move" und den hingeschluderten Fun-Song "Hot Tamales" in einem Güterwagen einspielen musste. Im Nachklapp zur Produktion entstanden in New York noch der Song "Just Another Parade" sowie der Bob-Dylan-Song "Shelter From The Storm". Beiden Titeln ist die Rückkehr in die Großstadt anzumerken, denn ihnen fehlt die erdverwurzelte Tiefe, die bei den Stücken aus dem Clarksdaler Studio zu spüren war.
Die CD beginnt mit einer vom Klang der Stahlsaiten und Perkussion bestimmten Version des Bluesklassikers "The Weight" und enthält mit dem Titel "Darkness On The Delta" einen ungewöhnlich berührenden Blues, dessen Tempo der über achtzigjährige Pianist Boogaloo Ames altersweise verzögert und beschleunigt. Ähnlich stimmungsvoll fällt auch "Wichita Lineman" aus, den Wilson mit ihrer Standard-Besetzung, also den Gitarristen Marvin Swell und Kevin Breit, den Perkussionisten Jeff Haynes und Cyro Baptista sowie dem Bassisten Mark Peterson eingespielt hat.
Nach dem Hören aller dreizehn Titel entsteht das Gefühl, Cassandra Wilson sei nach einer längeren musikalischen Orientierungsphase zu Hause angekommen: beim Blues, den sie schon als junges Mädchen im Mississippi-Delta sang.

Werner Stiefele, 21.03.2002



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