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Isaac Albéniz

Iberia (Hefte 1 und 2), España

Daniel Barenboim

Teldec/Warner Classics 8573-81703-2
(62 Min., 02/2000) 1 CD

All die Tänze und Weisen, all jenes „folkloristische“ Material, das Albéniz in seinen herrlichen Spanienvisionen aufbietet, scheint den Freiraum des Interpreten zu verengen. Scheinbar, denn das „Typische“, dem Volkston Entlehnte wird mit kompositorischem Raffinement vielfach gebrochen, wird äußerst subjektive Kunstmusik, die pseudo-rustikalen Folklorismus in die Ausdruckswelt des inneren Nachklangs führt.
Den Forderungen dieser geistig-pianistischen Verwandlung bleibt Daniel Barenboim vieles schuldig. Die Grobheit, mit der er sich die charakteristischen Rhythmen der Themen von „Rondena“ und „Almería“ zurechthaut, deutet den Versuch an, die verfeinerten Erinnerungsbilder ins tanzbar Vitalistische echter Volksmusik zurückverwandeln zu wollen.
Besonders „Corpus en Sevilla“, das grandiose Gemälde einer vorüberziehenden Fronleichnamsprozession, zeigt die Schwächen pianistischer Problembewältigung auf, die diese Aufnahme so enttäuschend macht. Nun wird man keinem Interpreten ernsthaft abverlangen wollen, die „Übernotation“, die zum Beispiel im Verlauf von nur 16 Takten einen stufenweisen Übergang vom fffff zum ppppp vorschreibt, hörbar zu machen. Aber diese maßlose Vision dynamischer Schattierungen weist eben weit fort von Imitaten des Volksfesttrubels und Gitarrengeklimpers ins Laboratorium der um 1910 anvanciertesten Technik.
Barenboim aber beschwört die harten Kontraste, die rohe Kraft der Sätze. Doch seine Mittel sind beschränkt. In der grausam schweren Giocoso-Episode muss er peinlich stark verlangsamen. Auch die endlosen Sechzehntelgänge im vierfachen Forte sind doch ziemlich unregelmäßig geraten, hart und seltsam substanzlos überhaupt dieses Einheitsfortissimo. All das erzählt von manuellen Nöten. Wird es dann laut und nicht allzu tückisch in der 3/8-vivo-Stretta, versucht Barenboim mit wüst stampfenden Akzenten eines viertaktigen rhythmischen Vergröberungsmusters pianistische Unschärfe als notwendige Zutat wilden Tanzkolorits zu verkaufen.
Der Schluss kann ein Wunder langsam verwehender Klänge sein. Barenboim aber lässt die Akkorde oft viel zu tief in Pedalnebel sinken oder in den nächsten fließen, dann poltert ein Melodiefragment – gewichtig, aber nicht forte, schreibt Albéniz – äußerlich-nachdrücklich hinein und zerreißt das Verdämmern. Auch in diesem Pianissimo-Reich kann Barenboim an seine Glanzzeiten erlesenen Klavierspiels noch nicht wieder anknüpfen.

Matthias Kornemann, 01.12.1999



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