Rossinis “dramma giocoso” hat gut hundertachtzig Jahre nach seiner Entstehung nichts von seinem Charme, seiner unwiderstehlichen Wirkung eingebüßt und rangiert in der Statistik der Rossini-Diskografie an dritter Stelle. Auch wenn es aus Repertoiregründen vielleicht sinnvoller gewesen wäre, eine unbekannte Oper Rossinis oder gar Donizettis aufzunehmen, so ist doch diese Neuproduktion durchaus als gelungen zu bezeichnen. Bereits in aufnahmetechnischer Hinsicht hat sie ihre Meriten: Die Stimmen sind präsent genug, ohne eng zu wirken, während der Orchesterklang eine gewisse Räumlichkeit aufweist, ohne zu verschwimmen.
Ein echtes Gespür für den Rossinistil lässt Jesús López Cobos erkennen; mit dem Kammerorchester Lausanne erzielt er einen schlanken, federnden Klang und eine beeindruckende Präzision, was das Hören ebenso zu einem wahren Vergnügen macht wie die Homogenität der Sängerbesetzung. Nicht nur verfügen alle über die erforderliche stimmliche Flexibilität, ihnen ist auch die Lust am vokalen Agieren anzumerken, ohne dass sie der naheliegenden Gefahr des Chargierens erliegen würden.
Hervorzuheben sind Jennifer Larmore, die ihre stupende Koloraturtechnik und klangfarbliche Vielfalt zu einem funkelnden Porträt in Tönen zu nutzen weiß, sowie Raúl Giménez; vermag er in der Cavatina des ersten Aktes vielleicht nicht ganz zu überzeugen, so gelingt es ihm doch, im Verlaufe der Aufnahme seinen Rang als einen der profiliertesten Rossinitenöre zu bestätigen.

Norbert Christen, 31.03.1998



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