Schon wieder ein "neuer Pavarotti"?! Nach Salvatore Licitra bringt man nun den neunundzwanzigjährigen Peruaner Juan Diego Flórez ins Kielwasser jenes Big P. Der Vergleich ist so verkehrt nicht, wenn man den Pavarotti der sechziger und frühen siebziger Jahre heranzieht, der im lyrischen Fach zu Hause war und noch nicht als brüllender, potpourritingelnder Fließbandlieferant hoher Cs in die Plattengeschichte einging.
Wie dem auch sei: Endlich, so möchte man ausrufen, endlich mal wieder ein Rossini-Tenor, der den Vorschusslorbeeren halbwegs standhält! Ja, mitunter gerät man sogar ins Schwärmen: eine solch volle, scharf fokussierte, unangestrengte Strahlkraft, die auch noch das hohe D trägt (so in der grandiosen "Terra-amica"-Szene aus "Zelmira"), war bei einem jungen Tenor schon lange nicht mehr zu bestaunen. Flórez' Timbre ist zwar nicht derart hell und schlank wie das Tito Schipas, seines großen Ahnherrn im Rossini-Fach; dafür aber besticht die Brillanz und Wendigkeit, mit der Flórez alle Koloratur-Kabinettstückchen, Skalenläufe und Triller, meistert (famos: die Arie "Fiamma soave" aus "La donna del lago").
Ein idealer Rossini-Tenor also? Nicht ganz. Was Flórez, der 1996 sein Debüt feierte, noch fehlt, sind ausgefeiltere dynamische Differenzierungen. Das meiste kommt zwischen Mezzoforte und Fortissimo daher - passend zum jugendlichen Helden; aber der Liebende oder (Ver)Zweifelnde, er könnte flehentlicher weinen, mit mehr Schmelz verführen und neben Stimm- vermehrt auch seine Herzmuskeln einsetzen.
Gleichwohl: Die Platte ist ein Lichtblick am recht düster gewordenen Tenorhimmel, und ein Rossini-Fest dazu, zumal Chailly mit seinen höchst engagierten Milanesen weit mehr abliefert als nur brave Begleitung.

Christoph Braun, 21.03.2002



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