Responsive image
Wolfgang Amadeus Mozart, Robert Schumann

Klavierkonzerte Nr. 24 c-Moll K 491, a-Moll op. 54

Evgeny Kissin, London Symphony Orchestra, Colin Davis

EMI 3 82879 2
(62 Min., 09/2006) 1 CD

Unzeitgemäß zu sein, ist keine Frage des Alters. Evgeny Kissin konnte schon in Teenagerjahren als "letzter Romantiker" gelten. In den 20 Jahren seiner Karriere hat sich daran nicht das Geringste geändert. Eine Entwicklung? Nun, auf seiner neuen CD überrascht Kissin bei Mozart mit einem ungewohnt hellen, kitzeligen Ton. Er scheint klarmachen zu wollen, dass wir uns im Kinderzeitalter des Klaviers aufhalten. Doch schon darin wirkt Kissin hier "schief gewickelt".
Vom Orchester lässt sich der Solist umspielen, auch umschwärmen. Er schleppt, poetisiert und träumt, flieht im dritten Satz unverhofft ins Weite und bricht dann fragmenthaft ab. Von einem zeitgemäßen, "historisch informierten" Mozart-Spiel will das bewusst nichts wissen. Nur: Wer dergleichen sucht, würde ohnehin niemals zu einer Aufnahme Kissins greifen. Oder?
Auch Schumanns a-Moll-Konzert wird retrospektiv, wie ein Vorgänger Chopins und Rachmaninows in den Blick genommen. Ein umflorter, weltverloren goldener Ton verirrt sich traumschön in verwegener Landschaft. Die Einsamkeit, die man Kissin selbst innerhalb der Pianistenwelt zuerkennen muss, spiegelt sich idealtypisch in dieser CD – und zwar paradoxerweise dadurch, dass er diese Werke vollendet traditionell, mit anderen Worten: gänzlich konventionell spielt. Als ein Echo von gestern. Als Überlebender einer Welt, die vielleicht immer nur in unserer Projektion existierte.
Ins Lot der Gegenwart wird Kissins Jungvergreisung vor allem durch Colin Davis gebracht. Sein mit leichter Hand hinstreichender, die Subjektivität Kissins klug begrenzender Takt sorgt für gebotenen Realitätssinn. Davis umgibt den pastosen Farbauftrag seines Solisten mit einem dünnen, zierlichen Rahmen. Eine epochale Aufnahme wird auch so nicht daraus. Eine genießbare schon.
Kissin, der in den vergangenen Jahren kaum eine überflüssige CD herausgebracht hat, zeigt mit diesem Vorstoß in für ihn neue Welten deutlich Grenzen seines Genies. Beethovens Konzerte sollen folgen. Der Vorgeschmack darauf klingt, gemessen am Rang des Pianisten, herzlich uninteressant.

Robert Fraunholzer, 01.12.1999



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top