Die Entstehung von "Matilde di Shabran" ist kraus und konfus. Zuerst eine wieder mal unter Zeitdruck zusammengerüttelte Mixtur, zwei Textdichter, diverse Stoffquellen, Kuddelmuddel bei der Titelfindung, Rossini, der bei sich selbst Anleihen macht, Kollege Pacini, der weitere Partiturlöcher stopft, zwei Fassungen, die erste in Rom, die zweite in Neapel zur Welt gebracht. In Rom musste kurzfristig noch Freund Paganini als Dirigent einspringen und ein Hornsolo (der Hornist war erkrankt) in ein Bratschensolo verwandeln. Die "Matilde" in Neapel enthielt mehr eigenständigen Rossini. Auf einer neuen Revision und Edition dieser Partitur beruht die Produktion des Rossini-Festivals in Pesaro, die in der CD-Neuausgabe dokumentiert ist.
Das Publikum der Premieren von Rom und Neapel im Jahr 1821 schwankte zwischen Zustimmung, Ratlosigkeit und Betretenheit. Schwierigkeiten bereitete auch die Definition dieser Opernnovität. Sie war weder als Opera buffa noch als Semiseria noch als groteske Ritterparodie eindeutig zu bestimmen. Man mochte spüren, dass von allen Ingredienzen zu viel und zu wenig da war, und eine in alle Richtungen weisende Neigung zur Hypertrophie bestand: Ein Weiberfresser, der sich nicht zwischen Grausamkeit und Liebe entscheiden kann. Eine Heroine, die das Zeug zur frechen Emanze, zur Sirene und zur leidenden Unschuld hat. Ein interessanter junger Mann, der eine Hosenrolle ist und Altistin und einige Verwirrung stiftet. Ein Dialekt singender Dichter, der Wirklichkeiten erfindet, Tatsachen umgeht und Rettung bewirkt. Wäre Offenbach zum Zeitpunkt der "Matilde"-Premieren nicht erst zwei Jahre alt gewesen, man hätte Rossini womöglich zugebilligt, die verrückteste Offenbachiade aller Zeiten konstruiert zu haben.
Dies vorausgesetzt und unbeschadet der Erkenntnis, dass "Matilde" in der Theatergeschichte beileibe keine Leuchtspur wie der "Barbier" hinterlassen hat, ist dieses "Melodramma giocoso" tatsächlich einer der zu selten beachteten Sonderfälle im Oeuvre Rossinis, ein verfrühtes Stück "Absurdes Theater" der feinsten Sorte. Das hat eindruckvoll 2004 eine Aufführungsserie in Pesaro belegt, deren Mitschnitte dann auch das Material zur vorliegenden CD geliefert haben. Flórez hat den wilden Corradino schon 1996 in Pesaro gesungen. Acht Jahre später versprüht er noch immer mit unverminderter Frische und blendender Gelenkigkeit sein vokales Feuerwerk. Annick Massis geht mit ihrer Stimme um, als hätte sie feines weißes Porzellan zu modellieren; damit gibt sie der eigentlich in unterschiedliche Typen zerfallenden Titelfigur den einheitlichen Umriss. Der dialekteifrige Dichter Isidoro, die für die (fast tragischen) Missverständnisse zuständige Hosenrolle Edoardo, die Intrigenschlange Gräfin d’Arco, sie alle sind prägnant gezeichnete Charaktere mit Eigenschaft und Eigenart. Chor und Orchester sind zumindest wendige, zuverlässige und gelegentlich ganz ausgezeichnete Kollektivpartner. Höchstbewertung für ein Theater, das aus Raritätenwert und künstlerischer Originalität eine runde Summe macht.

Karl Dietrich Gräwe, 10.11.2006



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