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Robert Schumann

Die Sinfonien

Orchestre Révolutionnaire et Romantique, John Eliot Gardiner

Archiv Produktion/Universal 457 591-2
(5/1997, 10/1997) 3 CDs

Wer heute noch glaubt, in einer Rezension Schumanns Ehre als Orchesterkomponist retten zu müssen, rennt nur offene Türen ein. Sogar unter den Dirigenten hat sich herumgesprochen, dass man eigentlich nur das machen muss, was in den Noten steht - das aber so exakt wie möglich. Nur Gustav Mahler war noch ausführlicher in seinen Partituranweisungen: “Wenn der Tubist nicht ppp herausbringt, dann lieber ein Contrafagott ausführen lassen.”
Wer bei Schumann den minutiösen Angaben zur Phrasierung, zu Temporelationen, Dynamik und Akzenten folgt, etwa den zahlreichen Subito-Piani, der kann kaum noch etwas falsch machen. Und ich muss sagen: Keine mir bekannte Aufnahme realisiert all dies so präzise wie die von John Eliot Gardiner und seinem fabelhaften romantischen Revolutionsorchester. Nicht einmal Harnoncourt mit dem europäischen Kammerorchester hielt sich so sehr an den Buchstaben des Gesetzes, den Notentext.
Auch hat vor Gardiner keiner Schumanns sinfonisches Schaffen so komplett im Bündel eingespielt: Beginnend mit den beiden erhaltenen Sätzen der frühen “Zwickauer Sinfonie”, dazu “Ouvertüre, Scherzo und Finale” von 1841, das unglaublich brillant komponierte (und hier auch so gespielte) Konzertstück F-Dur für vier Hörner und Orchester sowie, natürlich, beide Fassungen der vierten Sinfonie - die von 1841, die Brahms so liebte, und die von 1851, welche tatsächlich stringenter ist, runder. Alles in allem schnürte Gardiner also ein fantastisches Schumann-Paket, für den Kenner so gut wie für den Einsteiger.
Und dennoch bleibt ein Restwunsch offen ... gerade bei diesem Komponisten. Gardiners Tempi sind, obwohl bisweilen sehr flott, durchweg richtig. Und doch entsteht mitunter der Eindruck, das Orchester surfe ein bisschen zu flott durch die Partitur. Britisches Understatement, das zwar fair play garantiert, aber wenig Raum läßt für Leidenschaft, unterschlägt etwas von dem Innigen, dem Sehnsuchtsvollen dieser Musik, mitunter auch ihre manisch-obsessiven Momente (Scherzo der zweiten Sinfonie). Genau das also, was George Szell in seinen frühen, wenn auch mild retuschierten Schumann-Aufnahmen so unvergleichlich gnadenlos herausarbeitete.
Kann man also wieder mal nicht alles haben? Doch, man kann: Szells und Gardiners Versionen sollten Seit’ an Seit’, als komplementäre Sichtweisen, jede ernsthafte Diskothek schmücken, wenn es um diesen wahrhaft großen, so revolutionären wie romantischen Sinfoniker geht.

Thomas Rübenacker, 31.03.1998



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