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Robert Schumann

Klaviersonate Nr. 1, Carnaval op. 9

Evgeny Kissin

RCA/BMG 09026 63885 2
(60 Min., 7/2001, 12/2001) 1 CD

Für Schumanns Klaviersonaten war es ein gutes Jahr. Nach fulminanten Einspielungen Bernd Glemsers (siehe Rezension) und der jungen Französin Vanessa Wagner kommt nun mit Kissin ein dritter, wieder ganz anders lautender Versuch. Ein Versuch, denn bei einer mit ihrem sonatenhaften Wesen so überworfenen Komposition wie der fis-Moll-Sonate werden wir die gültig-eindeutige Lösung nicht erwarten dürfen.
Man strapaziert bei der Beschreibung Schumannscher Musik dieses Zerbrechensmotiv vielleicht, aber es war das Leidensthema Schumanns - nicht nur beim Sonatenschreiben. Mag er das Werk motivisch noch so dicht geknüpft haben, der Zerfall nagt es an, und Kissin spürt diesem Prozess nach wie ein Seismograf. Schon das erste Thema, wankend auf Mittelstimmensynkopen, scheint immer wieder aufhören zu wollen und findet erst im dritten Anlauf Zutrauen zu seiner stampfenden Energie, um sich gleich wieder in einer lyrisch-zerstreuten Übergangspassage zu verlieren.
Während der stringentere Bernd Glemser die Themendurchläufe ohne die geringste Verschleppung reiht, alle Aufmerksamkeit in die gesteigerte Dynamik lenkt, lässt sich Kissin von poetischen Abschweifungen verführen, entdeckt im Abgesang des zweiten Themas abgründige Einwürfe der Unterstimme und zelebriert die Momente, in denen die musikalischen Gedanken gleichsam wieder vor einer Doppelstrich-Pforte stehen, erwartungsvoll und unentschieden, wie es weitergehen mag.
Und genau dieses Programm fantastischer Inszenierung der Schwellenmomente, interessant-heikel im Kopfsatz, lässt Kissin im Finale triumphieren, zum Beispiel bei jener tremologrollenden Sequenz, die die Wiederkehr des Kopfthemas so pompös ankündigt. Die Übergänge zwischen den auseinanderstrebenden Episoden dieses formalen Trümmerfeldes sind ungeheuren Spannungen ausgesetzt, und die inszeniert Kissin glühend dramatisch.
Derart aufgeladen rückt dieser Schluss der Welt des "Carnaval" recht nahe, den Kissin florestanisch entflammt hinfetzt. Die Paganini-Studie unglaublich rasant, unübertrefflich leichtgängig die Mittelstimmen-Repetition der "Reconaissance". Ein pianistisch spektakulärer, geistsprühender Irrwitz, der seine beschwichtigende Gegenkraft im Motiv der Wiederholung findet. Kissin spielt alle Wiederholungen, auch jene, die manche Episoden ins Licht des manisch-verquälten Zwanges rücken, alles zweimal sagen zu müssen. Kissin aber gewinnt erfüllte Längen, beruhigt und voll variierenden Zaubers ("Chopin!"), lyrischer Hintergrund ungezähmter Gestalten wie einer ausgesprochen aufsässigen "Estrella". So impulsiv Kissin seine Gestalten auch auftreten lässt, nie würde er seinen "Carnaval" hysterischem Überschwang opfern. Am Ende ist bei diesem Großmeister die Bilanz immer ausgeglichen.

Matthias Kornemann, 03.10.2002



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