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Robert Schumann

Kammermusik

Robert-Schumann-Quartett, Ana-Marija Markovina

Sony BMG SK 94230
(115 Min., 2/2004) 2 CDs

Beinahe scheint es, dass gerade in Zeiten des Mangels das Große gern versucht wird. Und so tönen denn die Trompeten und künden lautstark von einer "Weltersteinspielung"! Wohlan, sagt sich der allem Neuen zugeneigte Hörer, dann wollen wir mal hören, was diese "Weltersteinspielung" zu bieten hat. Zunächst, und das sei lobend erwähnt, wurde eine Handschrift gefunden, und sie ist echt. Es handelt sich dabei um diejenige des schwer verliebten Robert Schumann, ja, so ist es, denn eines ist gewiss: In den Jahren 1841 und 1842 zählte sich Schumann zu den glücklichsten Menschen auf Erden. Vater Wieck war besiegt, endlich konnte Robert seine Frau Clara nach Hause führen, Lieder komponieren, die seine romantische Wonne ausdrückten, und, nun, eben auch einige Streichquartette, namentlich die Werke op. 43 Nummer eins, zwei und drei, aufs Papier werfen. Beethoven wäre davor vermutlich nicht erschrocken, aber er hätte sein Haupt wissend verneigt und dem Schöpfer seine Hochachtung entgegengebracht.
Nun aber zurück zur "Weltersteinspielung": Mag sein, dass einige Takte anders klingen, als wir es kennen, dass hier und dort und da die Phrasierung und Artikulation eine andere, das Wesen der Metrik leicht verändert ist. Doch was will uns die Aufnahme damit und was vor allem darüber hinaus mitteilen? Sie "unternimmt den Versuch, die ursprüngliche Fassung wiederzugeben". Löblich dies. Aber schon die ungelenken Striche, gibt der Verfasser des Booklet-Textes zu, würden "eine eindeutige Rekonstruktion" nicht zulassen. Ein Schelm, der dieses Eingeständnis für eine Schwäche hält. Und ebenso ein schlimmer Mensch ist der, der diese Aufnahme nicht in den Rang einer bedeutungsreichen Interpretation, geschweige denn in den Rang einer welterneuernden Lesart der Schumann'schen Streichquartette zu stellen sich imstande sieht. Aber im Ernst: Brave, biedere Quartettkunst vernehmen wir, und das wird auch nicht wirklich anders, wenn sich die tapfere, aber zumal klanglich auffällig blasse Pianistin Ana-Marija Markovina hinzugesellt, um das wundervolle Klavierquintett von 1842 zu geben, ein Stück, welches unter der Hand hochmögenderer Musiker zu einem wahren Rausch sich hinauf zu schwingen vermag, hier aber doch ein wenig an eine Bootspartie im Mondenlicht erinnert, bei der jegliches dionysische Gelächter geächtet ist. Kurz und gut: Eine Weltersteinspielung bedeutet nicht mehr als ein Wort.

Tom Persich, 27.08.2005



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