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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



Kein Zweifel: Verdis Traviata ist ein Mainstream-Musikdrama, sie zählt zu den meistgespielten und beliebtesten Opern überhaupt. Und dennoch ist es nicht einfach, eine rundum überzeugende Einspielung zu empfehlen. Carlos Kleibers erstaunlicherweise viel gerühmte Einspielung krankt daran, dass eigentlich keiner der drei Hauptprotagonisten (Cotrubas, Domingo, Milnes) sich in bester Form befindet bzw. eine Idealbesetzung für seine Partie darstellt. Genannt werden ansonsten gewöhnlich die Aufnahmen von Pritchard (Decca) mit Sutherland, Bergonzi und Merrill oder, mit Einschränkungen, von die von Ghione (EMI) mit Callas, Kraus und Sereni (ein Geheimtipp außerdem: Sabajno mit Rosza, Ziliani und Borgonovo, [VAI]!).
Etwas unter den Tisch gefallen ist hingegen immer die vorliegende Version, die kürzlich bei Arts neu erschien. Mirelli Freni gibt hier eine prachtvolle Traviata ab: Ihre Szene "È strano! / Sempre libera" strotzt vor intensiver Linienführung, stimmlicher Präsenz exzeptionell gut gesetzten hohen Noten (Wer glaubt, die Netrebko sei eine perfekte Traviata, der höre sich das mal an). Franco Bonisolli erweist sich, wenn er auch einen nicht in der Partitur befindlichen Spitzenton einzufügen geruhte (während die Freni im ersten Akt auf ihr hohes Es verzichtet), als vergleichsweise unprätentiös; u. a. sein "Lunge da lei / De’ miei bollenti spiriti" zeigt, dass dieser - teilweise zu Recht - als "Tenor-Rambo" verschriene Sänger durchaus auch ernsthafte gestalterische Qualitäten parat hatte. Sesto Bruscantini als Vater Germont agiert ein wenig mit gebremstem Schaum (ein bekanntes Studiofoto von ihm mit Strickweste und Hornbrille spricht Bände!), fasziniert aber mit satter, wahrhaft italienischer Verdi-Bariton-Höhe u. a. in "Di provenza il mar, il suol". Wenn auch Mirella Freni durch ihre beiden männlichen Partner vielleicht nicht zu einer absoluten Spitzenleistung herausgefordert wurde (so meint Jürgen Kesting), muss es doch als Glück betrachtet werden, dass ihre Traviata für die Nachwelt festgehalten wurde.

Michael Wersin, 16.10.2004



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