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Joseph Haydn

Die sieben letzten Worte Jesu Christi am Kreuze (Orchesterfassung Hob. XX.1)

Le Concert des Nations, Jordi Savall

Alia Vox/harmonia mundi AVSA 9854
(68 Min., 10/2006)

Es war ein höchst merkwürdiger Auftrag: Für ein Karfreitagsritual, das jedes Jahr in der Kirche Santa Cueva von Cadiz stattfand und bei dem der Bischof in dem abgedunkelten, schwarz ausgekleideten Gotteshaus sieben Meditationen über die sieben letzten Worte Jesu Christi am Kreuze sprach, sollte Joseph Haydn orchestrale Zwischenmusiken in gemessenem Tempo schreiben. Haydn machte aus dem Auftrag eines seiner aufregendsten Orchesterwerke: ein Oratorium ohne Worte und ganz und gar nicht naiv wirkendes religiöses Sturm-und-Drang-Werk von düsterer theatralischer Feierlichkeit. Jordi Savall entschloss sich nicht nur dazu, das Werk an seinem Uraufführungsort einzuspielen, dessen Hall Haydn zweifellos mit einkalkuliert hatte und der den Stücken eine zusätzliche Aura verleiht. Er ließ auch die sieben Bibelpassagen in spanisch gefärbtem Latein einsprechen und fügte dem Beiheft zwei alternative neue Meditationen zu den Worten bei: Für Religionsskeptiker eine Passage nach José Saramagos "Evangelium nach Jesus Christus" und für spirituellere Gemüter eine hinduistisch gefärbte Auslegung von Raimon Panikkar. Überzeugend arbeitet Savall den Farbenreichtum der Orchesterversion heraus, die den späteren Fassungen vorzuziehen ist. Der größten Herausforderung der Partitur, die weniger im gemessenen Tempo als dem irritierenden Dur vieler Sätze besteht, wird Savall nur teilweise gerecht: Zwar gelingen ihm großartige Seufzer und Darstellungen gleißenden, unverarbeiteten Schmerzes in der Manier von Glucks "Che farò senza Euridice", doch viele Stellen – so die an Jagdfanfaren erinnernden Hornrufe der siebenten und die neckischen Flötenfiguren der sechsten Sonate – bleiben unerklärt.

Carsten Niemann, 09.11.2007



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