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Richard Wagner

Ausschnitte aus "Siegfried" und "Götterdämmerung"

Plácido Domingo, David Cangelosi, Natalie Dessay, Violeta Urmana, Orchester der Oper Covent Garden, Antonio Pappano

EMI 5 57242 2
(70 Min., 7/2001) 1 CD

Waren das noch Zeiten, als Wagner-Opern in ihrer Gänze als Mitschnitte auf Platte gepresst wurden! Helden wie Lauritz Melchior und Helge Rosvaenge machten es möglich, doch die Melchiors sind seit langem rar geworden, heute stehen sicherheitshalber pro Aufführung oft zwei oder drei Tenöre - für jeden Aufzug einer - parat, damit die Titelpartie wenigstens im Verbund gestemmt werden kann. Die Sparpolitik der Plattenfirmen tut ein übriges, so muss man sich mit zehnminütigen Szenenausschnitten zufrieden geben.
Und man kann sich durchaus zufrieden geben, wenn Plácido Domingo der Hauptakteur solcher Wagner-Happen ist. Der ehemalige Parade-Don-José hat sich längst, seit seinem 1987er-Lohengrin unter Solti, auch einen Bayreuther Namen gemacht. Was den "Ring" angeht, so legt er nun seinen dritten (Studio-) Auszug vor. Nach seinem famosen Siegmund-Akt der "Walküre" (siehe Rezension) und sogenannter "Love Duets" aus "Siegfried" und "Tristan" - siehe Rezension) gibt's nun weitere Ausschnitte aus den beiden letzten Ring-Abenden, wiederum aus dem Covent Garden.
Höhepunkt der neuen Platte ist ein weiteres "Liebesduett" - diesmal mit meiner Mezzo-Göttin Violeta Urmanova. Zwar ist ihr Brünnhilde-Auftritt kurz, aber ihr wunderbares, stimmgewaltiges Aufblühen (mit bester Artikulation!) auch in höchsten Höhen macht die Abschiedsszene mit ihrem Geliebten aus der "Götterdämmerung" zu einem jener wenigen rauschhaften Wagner-Erlebnisse, an denen man am liebsten alle Welt teilhaben lassen möchte (und die dann zumindest die Nachbarn auf den Plan rufen).
Das andere Staunen ruft Domingo hervor, der auch mit achtundfünfzig noch Siegfrieds jugendlich-heldische Kraftakte meistert. Dass er in der mörderisch anstrengenden "Nothung"-Szenerie des ersten "Siegfried"-Aktes die zahlreichen hohen As nicht mehr ganz mühelos hinausschmettert, ist verständlich, ebenso, dass diese Anstrengung ihren Preis hat in einer brüchigen Mittellage, vor allem im Piano. Um so erstaunlicher, dass jene Spitzen immer noch machtvoll und kernig klingen. Und seinem Ruf als Sängerschauspieler, der mit Emphase jedem Sehren und Sehnen seiner Rolle nachspürt, wird Domingo noch immer glänzend gerecht. Nur leider hat sich seine Aussprache, die bei Wagner zugegebenermaßen auf schwerste Proben gestellt wird, nur wenig verbessert.
Ansprechend ist die Mime-Gestaltung David Cangelosis, der den großen Vorbildern Heinz Zednik und Helmut Pampuch nahekommt; enttäuschend dagegen der unpassend-überbordende "Waldvogel" Natalie Dessays. Als "Begleitung" bietet Antonio Pappano wenig Differenziertes; in den hinreissenden orchestralen Episoden, vor allem im "Trauermarsch", dagegen einen voluminösen, spannungsreich ausgeleuchteten Breitwand-Wagner.

Christoph Braun, 22.03.2002



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