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N° 1291
04. - 10.02.2023

nächste Aktualisierung
am 11.02.2023



Der Tenor Wolfgang Windgassen (1914-1974) war die große Heldenhoffnung des Nachkriegsbayreuth: Zwar brachte er stimmlich nicht so viel auf die Waage wie etwa Lauritz Melchior oder Ludwig Suthaus, aber er war Wieland Wagner aufgrund der unprätentiösen Natürlichkeit seiner Erscheinung und der schlanken Pathosfreiheit seines Gesangs ein überaus willkommener Protagonist für die großen Tenorpartien in seines Großvaters Repertoire. Und in der Tat: Windgassen hinterlässt in vielen Bayreuther Liveproduktionen, darunter etwa die beiden "Parsifals" von 1951 und 1952 oder der letztes Jahr erstmals erschienene Keilberthring von 1955, einen guten bis sehr guten Eindruck. Aber wir haben ihn eben dort schon wesentlich besser gehört als teilweise auf dem vorliegenden Rezital aus den 50er Jahren, das die Deutsche Grammophon erstmals auf CD vorlegt: Schon im eröffnenden "Allmächt’ger Vater Blick herab" aus "Rienzi" verwundern zahlreiche quälend zu tiefen Töne, ausgesprochen ungeschickt aspirierte und gestoßene Melismen und insgesamt eine oftmals recht angestrengte Tongebung. Deutlich wohler scheint sich Windgassen in den beiden "Siegfried"-Ausschnitten ("Notung, Notung, neidliches Schwert" und "Hoho, Hoho, Hohei! Schmiede, mein Hammer") zu fühlen: Hier stimmt die Intonation, hohe Töne werden wesentlich erfolgreicher ergriffen und in den Fokus gebracht; offenbar kommt Windgassen die syllabische Deklamation in diesen Stücken sehr entgegen – er war wohl, anders gesagt, nicht unbedingt ein "Belcantist". Dies bestätigt sich am Ende des Rezitals auch im "Preislied" aus den "Meistersingern", in dem Windgassen mit ähnlichen Problemen kämpft wie in "Rienzi". Weitaus besser wiederum schlägt er sich als "Tannhäuser" ("O Fürstin" mit Annelies Küpper) und besonders auch als "Lohengrin", hier mit herrlich metallischen Spitzentönen und gut geführten Melodiebögen. Ein durchaus gemischtes Bild entsteht also von Windgassens Sangeskunst, auf das man sich streckenweise keinen rechten Reim machen kann – merkwürd’ger Fall.

Michael Wersin, 26.05.2007



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