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William Walton

Façade

Eleanor Bron, Richard Stilgoe, Nash Ensemble, David Lloyd-Jones

Hyperion/Koch 0 34571 17239 2
(61 Min., 9/2000) 1 CD

Musik mit gesprochenem Text gehört für mich eigentlich zu den überflüssigsten Dingen überhaupt: Meist steht die Bedeutung oder Botschaft des Textes im Vordergrund und die Musik wird zur bloßen Untermalung degradiert – oder aber die beiden Ebenen laufen ohne jede innere Beziehung nebeneinander her. Deutlich anders liegen die Dinge in jenem "Entertainment", das der junge William Walton in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit der Dichterin Edith Sitwell zusammenstellte und das unter dem Titel "Façade" aufgeführt und berühmt wurde.
Sitwells skurril-versponnene Lyrik hat an sich instrumentalen Charakter – ein heiteres, mehr oder weniger bedeutungsfreies Spiel mit Alliterationen, Zitaten und Andeutungen, rhythmisch-musikalisch rezitiert. Die konzisen, ironischen Miniaturen, die Walton für ein kleines Instrumentalensemble dazu komponierte, gehen mit den Texten eine treffsichere Komplizenschaft ein: Mit seinen Polkas, Märschen, Tangos und Foxtrots bildet das Werk ein unterhaltsames und bissiges Gegenstück zu Schönbergs "Pierrot Lunaire".
"Façade" begründete Waltons Ruhm, und er kam im Laufe seines Lebens noch oft darauf zurück, orchestrierte einzelne Nummern und fügte gemeinsam mit Edith Sitwell noch Ergänzungen hinzu – mit dem Ergebnis, dass es mindestens drei Fassungen des Stücks gibt und einige der über vierzig Gedicht-Vertonungen verloren gingen. Der Einführungstext dieser CD gibt – leider nur auf Englisch – Aufschluss über die komplizierte Entstehungsgeschichte des Werks. Präsentiert werden sämtliche vierunddreißig erhaltenen Stücke in einer von den Interpreten festgelegten Reihenfolge.
Dem Nash-Ensemble unter David Lloyd-Jones gebührt höchstes Lob: Eine pointiertere und gleichzeitig farbigere Interpretation dieser Musik ist schwer vorstellbar. Hier kommen Pfauenfedern-Bohème und Five O'Clock Tea auf engstem Raum zusammen. Nicht ganz so glücklich bin ich mit den beiden Rezitatoren, die gelegentlich – nach dem Motto: Achtung, Satire! – allzu hörbar mit den Augen zwinkern. Eine trockenere Lesart, wie sie etwa Pamela Hunter in einer weiteren Gesamtaufnahme zu Gehör bringt (Discover), steht dem Opus besser zu Gesicht. Außerdem wurden Bron und Stilgoe von der Aufnahmetechnik zu sehr nach hinten platziert, sodass, besonders, wenn die beiden ihrer gelegentlichen Tendenz zum Nuscheln nachgeben, der Text nicht immer optimal verständlich ist.
Im Sinne des Untertitels "entertaining" ist die Einspielung jedoch allemal; und wer sich weniger für die Gedichte als für Waltons Musik interessiert, sei an die Orchesterfassung verwiesen – ebenfalls unter Llyod-Jones' Leitung bei Hyperion.

Thomas Schulz, 07.06.2001



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