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Johann Sebastian Bach

Cellosuiten Nr. 1 - 6

Truls Mørk

Virgin/EMI 545 650-2
(7/2005)) 2 CDs, 62 bzw. 79 Minuten

Gibt es kluge Sänger? Natürlich! Der norwegische Cellist Truls Mørk ist so einer. Was der 45jährige seinem Instrument - erbaut 1723 von dem Venezianer Domenico Montagnana - bei Bachs vermutlich gleichzeitig in seinem letzten Köthener Jahr entstandenen Cellosuiten entlockt, ist ein ausgeklügelter und gleichzeitig betörend schöner Instrumentalgesang. In puncto Phrasierung und Artikulation, mithin dem In-Beziehung-Setzen der einzelnen Noten und Modellieren von Notengruppen, gibt es auf dem Plattenmarkt kaum eine Einspielung, die an Mørks Raffinement heranreicht. Und das schlanke, warme Timbre seines klar fokussierten Cellotons dürfte jenem Ziel überaus nahe kommen, was den Instrumentenbauern seit jeher als Ideal vorschwebte: die vox humana zu imitieren. Jeder der jeweils sechs standardisierten, stilisierten und doch von Bach in unvergleichlich individueller Art gestalteten Tanzsätze atmet hier sozusagen einen linden Frühlingsduft. Das gilt - selbstredend - für die explizit flotten "Nummern", die Courantes und abschließenden "hüpfenden" Gigues, in denen Mørk wie nebenher seine stupende Virtuosität unter Beweis stellt (trotz dieser "Beiläufigkeit" aber bleibt nur Staunen darüber, wie präzise und sicher, auch im schnellsten Wechsel von legato- und staccato-Passagen, hier intoniert wird. Auf einem Steinway-Flügel könnte das nicht exakter zuwege gebracht werden). Bezeichnenderweise gießt Mørk auch die gravitätisch schreitenden Sarabanden in ein helleres Licht als die meisten seiner Kollegen: hier wühlt kein romantischer Weltschmerz in den doppelgriffigen Akkorden, sondern hier stimmt, wie an der berühmten Sarabande der dritten Suite beispielhaft zu hören, sozusagen ein tragisch "Wissender" seine verinnerlichte Klage an (wobei die Differenz charakteristischerweise nicht, was nahe liegend wäre, von einer zügigeren Tempowahl herrührt; im Gegenteil: Casals ist mitunter zupackender, während z.B. Fournier, den man gerne als Vorbild Mørks hinstellt, vielfach romantisch-getragener und vibratoreicher agiert. Auch Mørks sparsame, von Bach selbst ja nicht, sondern nur in der Kopie seiner Frau und späteren Bearbeitern überlieferte Ornamentierung spricht hier für sich). So erfährt gerade die düsterste der sechs Suiten, die fünfte in c-Moll, eine gleichsam "objektivere", im besten Sinn des Wortes "moderne", aber nicht minder "tiefe" Sichtweise. Und Zelters Wort "Bachs Urelement ist die Einsamkeit ... er will belauscht sein" behält gerade bei Mørks betörend schwerelos-anmutigen Spiel seine zeitlose Gültigkeit.

Christoph Braun, 04.02.2006



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