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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



Heinrich VIII. als Oper? Da erhofft man sich einen großen Historienschinken - und man bekommt einen großen Historienschinken. Einen der feinsten Güte allerdings. Für seine 1883 uraufgeführte Oper hat der anglophilie Saint-Saëns sogar in der Bibliothek des Buckingham Palace recherchiert - von wo er schließlich die choralartige Leitmelodie für seine schillernde Hauptfigur mitbrachte. Spannend an der mit gediegenstem Handwerk ausgeführten Oper ist, dass sich Komponist und Librettist auch darüber hinaus spürbar für die historischen Hintergründe interessierten. Anders als etwa in Donizettis so viel berühmterer Henry-Oper Anna Bolena wird hier der Fokus nämlich nicht allein auf fiktive Liebe- und Eifersüchteleien der Protagonisten gelegt. Was Saint-Saëns ebenso eindringlich zeigt, das sind die politisch-religiösen Motivationen der Handelnden. Die verstoßene Königin Katharina wird nicht nur durch ihre individuelle Liebe zum König geleitet, sondern ebenso eindrucksvoll von ihren religiösen Überzeugungen und ihrem dynastischen Stolz. Und wie sich Heinrich bei Gelegenheit seiner Scheidung durch geschickte Manipulation des Volks zum Haupt der anglikanischen Kirche aufschwingt, das hat der katholische Franzose (mit unverhohlenem Verständnis für seinen zweifelhaften Helden) zu einer der packendsten Gerichtsszenen der Operngeschichte ausgebaut. Glücklicherweise stand für diese weltweit erste Einspielung der Oper in Pierre Jourdan ein Regisseur bereit, der dem genialen Handwerker Saint-Saëns gerecht wird. Denn Jourdan interessieren prächtige Tableaus nach Art der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts und pointiertes Schauspiel mit genau beobachteten Details mehr als große Gesten oder platte Aktualisierungen. Weil nun einerseits auch die Besetzung von ausgeglichener gediegener Qualität ist, andererseits aber inspiriertes Handwerk auf der Opernbühne noch immer vor vermeintlichen innovativen Neudeutungen zurückstehen muss, wird man dieses opulente Historienbild wohl auf lange Zeit nicht überzeugender auf der Bühne zu sehen bekommen.

Carsten Niemann, 26.02.2004



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