Dmitri Schostakowitsch

Der Fall von Berlin, Das unvergessliche Jahr 1919

Moskauer Capella & Jugend Chor, Moskauer Sinfonieorchester, Adriano

Marco Polo / Naxos 8.223897
(75 Min., 3/2000) 1 CD

Die Schnittstellen zwischen Huldigung und Propaganda sind gerade in der Musik nicht einfach auszumachen. Wie haben nicht allein Lully seinen Sonnenkönig oder Henry Purcell die Royals mit pompösen Klängen umschmeichelt. Im russischen Herrschaftsbereich des 20. Jahrhunderts waren es vor allem Sergej Prokofjew und Dmitrij Schostakowitsch, die immer wieder als bei Stalin in Ungnade gefallene Komponisten den Hals mit entsprechenden Kniefällen aus der Schlinge ziehen mussten. Zwei von diesen - entsprechend großorchestralen - Partituren Schostakowitschs, die er für die florierende Filmindustrie Stalins komponierte, legt Dirigent Adriano nun mit dem Moskau Symphonie Orchester in einer Weltersteinspielung vor. 1949 entstand der Soundtrack zum Spielfilm "Der Fall von Berlin" über die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus. Zwei Jahre rekonstruierte Regisseur Michail Tschiaureli mit "Das unvergessliche Jahr 1919" den Kampf der Bolschewiken gegen die drohende Konterrevolution.
Für diese ganz auf den Personenkult Stalins zugeschnittenen Propaganda-Filme fand Schostakowitsch natürlich den rechten Jubel-Ton, mit bombastischen Chören, Bläsern, Schlagwerkern und Streicher-Süffigkeit. Was aber nur die eine Seite ist, die Adriano mit bester Breitwand-Brillanz erfasst. In den Passagen, in denen Einzelschicksale zum Symbol einer ganzen Bewegung werden, beweist Schostakowitsch seine ganze musikdramatische Handschrift. Mit lyrischer Intensität begleitet er die Liebesgeschichten, lässt er mit drängenden Rhythmen eine verstörende Dunkelheit aufziehen. Das sind dann Momente, die sich jedem Gebrauchswert entziehen. Und mit denen die reine Oberflächlichkeit dieser Werke schließlich aufgerissen wird.

Guido Fischer, 15.02.2003



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Zwei geniale Geiger auf einer CD vereint, die die Welt der Klassik und die des Jazz miteinander verbinden, als wäre es das natürlichste der Welt. Einfach toll! Stéphane Grappelli, der französische Geigenvirtuose, weitgehend Autodidakt, aber übersprudelnd vor musikalischen Ideen traf 1973 erstmals auf den acht Jahre jüngeren Yehudi Menuhin, ehemals Wunderkind und damals längst Geigen-Legende. Grappelli hatte mit dem Quintette du Hot Club de France die Clubs aufgemischt, Menuhin die […] mehr »


Top