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Johann Sebastian Bach

Sein Leben, seine Musik

Jean-Louis Guillermou

TDK/Naxos DV-DOCJSB
(138 Min.) 1 DVD

Es lohnte sich für den Rezensenten nicht, diese grässliche Bachschmonzette aus französischer Produktion (2003) über Bachs Besuch bei Buxtehude in Lübeck hinaus anzusehen: Bereits bis zu diesem frühen Punkt der Biografie haben sich in dieser filmischen Darstellung so viele knallharte sachliche Fehler und Schieflagen angehäuft, dass man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann über soviel Unfug: Buxtehudes Tochter, die dessen Nachfolger im Amt des Marienorganisten zu heiraten hatte, wird kurzerhand "Alexandra" getauft (in Wirklichkeit hieß sie Anna Margreta) und erscheint hier als bildhübsches Mädchen, das sich unsterblich in Bach verliebt hat, von Bach aber kühl abgewiesen wird. Tatsächlich ist aber weder über Anna Margretas Aussehen noch über ihr Verhältnis zum Lübeckbesucher Bach irgendetwas Verlässliches bekannt. Diese Filmsequenz suggeriert, Bach sei aus Lübeck vor einer Buxtehudetochter mit Modellqualitäten geflohen, obwohl diese scharf auf ihn gewesen sei (und sich angeblich von dieser Enttäuschung niemals erholt habe, wie der Zuschauer erfährt – blanker Unsinn!), und seine Entscheidung habe sich im Nachhinein als richtig herausgestellt, weil Buxtehude "noch viele Jahre im Amt geblieben sei". (Tatsächlich verstarb er etwa 17 Monate später.) Bach wird in Lübeck, so will es dieser Film, von Buxtehude wie ein berühmter Komponist empfangen; ein Orchester spielt bei seiner Ankunft den Finalsatz eines Cembalokonzertes von Bach(!), das zu diesem Zeitpunkt nicht einmal in seiner Urfassung als Violinkonzert existent war.
Belegte biografische Tatsachen wie die "Zippelfagottisten"-Story mit dem Arnstädter Schüler Geyersbach, die für einen solchen Film sehr viel hergegeben hätten, werden dagegen ungenau, verstümmelt oder ohne ihre eigentliche Pointe dargestellt. In den hollywoodmäßig à la Kostümschinken inszenierten Spielfilmszenen wirkt Bach wie ein galanter französischer Adliger (der französische Originalton wurde nicht synchronisiert, es sind lediglich deutsche Untertitel verfügbar), der sich stets mit gewähltesten Worten seiner Umwelt stellt. Sein älterer Bruder Johann Christian, bei dem Bach nach dem Tod beider Eltern aufgewachsen ist, wird dagegen unnötig hart und bösartig dargestellt. (Die Quellen geben dies ebenfalls nicht her.) Der moderierende Text eines Sprechers im Off, der die Szenen kommentiert und verbindet, strotzt nur so vor Ungenauigkeiten und fachlichen Fehlern ... An welcher Stelle soll man nur anfangen sich aufzuregen? Es ist ein einziger Graus. Dazu kommt im Falle von Musikeinspielungen das alte, pastose Zeug aus den 70er Jahren, Karl Richter und Konsorten – von den bahnbrechenden Neuheiten der Bachinterpretation der letzten 30 bis 40 Jahre erfährt der Zuschauer hier nicht die Bohne. Wie kann ein Film so schlecht recherchiert sein, der sich schon u. a. auf die detailgenaue biografische Arbeit eines unangefochtenen Kenners wie Christoph Wolff hätte stützen können? Und was das allerschlimmste ist: Wie kann das Label der Neuen Bachgesellschaft e. V. überall auf diesem Produkt prangen, verbunden mit einer dezidierten Empfehlung? Ein Anruf in der Leipziger Geschäftsstelle ergab, dass die Empfehlung von der Deutschen Bachgesellschaft gar nicht ausgesprochen wurde – man hat dort von dem Fall bereits Kenntnis und wundert sich. Dieser Ungeheuerlichkeit sollte man unbedingt nachgehen.

05.08.2007



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