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Jean Sibelius

Das gesamte Klavierwerk

Eero Heinonen

Finlandia/Warner Classics 0 685738 077625
(1995 - 2000) 5 CDs

Fünf prall gefüllte CDs umfasst das Klavierwerk von Jean Sibelius, und dies gleich vorweg: Wer sich ähnlich profunde und zeitlose Werke davon erhofft wie die sieben Sinfonien oder die Tondichtungen des finnischen Meisters, der dürfte - zumindest über weite Strecken - enttäuscht werden. Sibelius' ureigenstes Instrument war die Violine, für die er auch sein einziges Solokonzert schrieb. Das Klavier betrachtete er eher mit einer gewissen Herablassung. Warum dann so viele Klavierstücke? Größtenteils handelt es sich um Gelegenheitswerke, von denen Sibelius in fast jedem Genre eine ganze Menge schrieb - hauptsächlich um Geld zu verdienen, damit er seine mannigfachen Schulden begleichen konnte. Infolgedessen legte er selbst keinen großen Wert darauf; es waren seine großen Orchesterwerke, anhand derer er beurteilt werden wollte.
Sind Sibelius' Klavierwerke nun durchweg zweitklassige Musik? Nicht nur, zumindest dann nicht, wenn man zweitklassig nicht grundsätzlich mit minderrangig gleichsetzt. Zyklen wie den "Pensées lyriques" op. 40 oder den zehn "Bagatellen" op. 34 eignet ein unaufdringlicher Scharm, sie gehören zwar eindeutig in die Welt des Salons, machen diesem jedoch alle Ehre. Leichtgewichtig ist ein Großteil dieser Musik, doch nur ganz selten trivial, und sie demonstriert zudem anschaulich die Gabe Sibelius', sich polyglott zu äußern, französisch, wienerisch, deutsch, stets ohne Akzent. Und auch stets ohne die für einen routinierten Komponisten so leicht zu bewerkstelligende aufrauschende Gebärde, Redseligkeit ist Sibelius fremd. Allerdings ist der Preis die Anonymität. Wer hier im Blindflug den Komponisten raten will, dürfte auf die Nase fallen.
Lediglich in wenigen der größtenteils zyklisch zusammengefassten Stücke spricht die unverwechselbare Identität Sibelius' zu uns, etwa in den introvertierten, beinahe impressionistischen "Fünf Skizzen" op. 114, die zu seinen letzten Werken zählen. Das Wertvollste findet sich in den Drei Sonatinen op. 67. Glenn Gould, der den pianistischen Stil Sibelius' übrigens sehr schätzte, spielte diese asketisch sparsamen, aufs Wesentlichste reduzierten Werke ein (Sony).Eero Heinonens Interpretationen bewegen sich durchweg auf hohem Niveau. Der finnische Pianist hat sich ausführlich mit den Werken beschäftigt, wie seine lehr- und umfangreichen Einführungstexte (leider nur auf Englisch und Finnisch) belegen. Sein Spiel ist klar, kantig, strukturbetont. In der frühen Klaviersonate op.12 findet etwa Håvard Gimse (siehe Rezension) mehr Farbnuancen, dafür spannt Einonen griffiger den formalen Bogen. Er widersteht zudem überzeugend der Versuchung, die Salon-Miniaturen in ein rosa Schaumbad zu tauchen, sondern wird der für Sibelius typischen Technik der Aussparung gerecht. Am Zeug zum Tastenlöwen mangelt es Heinonen indes, wie seine etwas trockene und buchstabierte Wiedergabe der Klaviertranskription der "Finlandia" beweist, und auch die Dynamik könnte manchmal durchaus differenzierter gehandhabt werden.
Wer unbedingt den gesamten Klavier-Sibelius sein eigen nennen will, möge beruhigt zugreifen. Doch zum einmaligen Kennenlernen sei die Gould-Aufnahme der Sonatinen (inklusive deutlichem Mitsummen) empfohlen. Mit Goulds geduldigem Aushorchen von Sibelius' kargen Texturen, seinem Hineinversenken in die oberflächlich kaum spürbaren Stimmungsschwankungen dieser Musik kann Heinonens solides und zuverlässiges Spiel nicht mithalten.

Thomas Schulz, 18.01.2001



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