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Jean Sibelius

Die Jungfrau im Turm, Pelléas und Mélisande, Valse triste

Solveig Kringelborn u.a., Estnisches Nationales Sinfonieorchester, Estnischer National-Chor, Paavo Järvi

Virgin/EMI 5 45493 2
(67 Min., 3/2001) 1 CD, http://www.onlybeck.de/index_klassik.php?artnr=1000044772&bereich=klassik&partner=3

Eine der bewundernswertesten Eigenschaften von Jean Sibelius - abgesehen von seinem kompositorischen Genie - war seine Fähigkeit zur Selbstkritik. Nachdem sein Operchen "Die Jungfrau im Turm" einmal aufgeführt worden war, beließ er es nicht nur in der Schublade, sondern untersagte weitere Inszenierungen. Der Komponist wusste genau, dass hier nicht nur kein Meisterwerk vorlag, sondern, mehr noch, er damit seine Reputation ernsthaft schädigen konnte.
Schon der Titel klingt wie eine schlechte Parodie, und die Tragödie setzt sich im jämmerlich ideenlosen Libretto fort: Tugendsame Jungfrau wird vom Vogt geraubt und im Turm eingesperrt, dann jedoch von ihrem Geliebten und der Schlossherrin befreit. Der Chor tritt auf, Jubel, glückliches Ende. Das Beste findet sich noch in der Musik, allerdings nur im ersten Drittel, dann geht Sibelius die Inspiration aus - und selbst die gelungenen Passagen hat man in der "Karelia-Suite" oder in "En Saga" schon besser gehört. Mit lediglich sechsunddreißig Minuten dürfte diese Oper eine der kürzesten überhaupt sein - trotzdem ist sie zu lang. Sibelius tat gut daran, die Jungfrau im Turm zu belassen, wie er selbst sich ausdrückte. Das Genre der Oper lag ihm wohl einfach nicht.
Trotzdem scheinen Paavo Järvi und die beteiligten Sänger an das Werk zu glauben, denn ihr Enthusiasmus ist unüberhörbar, sie spielen und singen das so, als sei es tatsächlich große Musik. Besonders Solveig Kringelborn kann als verfolgte Jungfrau mit einigen Glanzlichtern aufwarten. Zur Rettung des Werks tragen die jedoch nicht bei.
Järvi kann seine Qualitäten als Sibelius-Interpret in der Suite "Pelléas und Mélisande" mit mehr Erfolgsaussichten unter Beweis stellen - einer Gelegenheitsarbeit zwar, aber ungleich qualitätvoller als das Jungfrauendrama, mit Momenten, die an die Sinfonik des Komponisten heranreichen. Järvi dirigiert diese traurigen, introvertierten Stimmungsbilder mit viel Geschmack und Liebe zum Detail.

Thomas Schulz, 28.02.2002



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