Responsive image
Jean Sibelius

Alle vier Streichquartette

Sibelius-Akademie-Quartett, Neues Helsinki-Quartett

Finlandia/Warner Classics 0927-40872-2
(122 Min., 1984, 1988, 1997) 2 CDs

Sibelius haftet so fest das Etikett "sinfonisches Urgestein" an, dass manch einer, wenn er von dieser Aufnahme hört, sich sagt: Dann nehm' ich gleich noch die Oper von Chopin (von Sibelius gibt es tatsächlich eine - siehe Rezension). Beim ersten Streichquartett von 1885, der Komponist war zwanzig, würde man im Leben nicht auf Sibelius tippen - aber der Geiger von Haus aus hatte bereits langjährigen Intimkontakt gehabt mit den ersten Werken der Gattung, also klingt das völlig selbstverständlich nach Haydn. Und durchaus mit Scharm.
Schon das zweite, vier Jahre später entstanden, beginnt mit diesem elegisch-fragmentierten "nordischen" Tonfall, der für den späteren Sibelius so charakteristisch wurde, auch wenn das Rollenmodell noch Beethoven heißt, genauer: dessen Rasumowsky-Quartette. Da war der Autodidakt bereits Schüler und Freund Ferruccio Busonis - dem das Werk imponierte. Im dritten von 1890 tritt zum Einfluss Beethovens noch der Schumanns und Tschaikowskys; seltsamerweise wurde gerade dieses in einer doch allzu wuchernden Kirchenakustik aufgenommen, mit mindestens drei Sekunden langem Nachhall!
Über das vierte und letzte, "Voces intimae", braucht man nicht viel zu sagen: Wer überhaupt weiß, dass Sibelius Streichquartette schrieb, denkt an dieses. Es entstand zwischen der dritten und vierten Sinfonie, in einer letzten Umbruchphase also, ist nun schon völlig unverwechselbar im Tonfall und macht seinem Namen alle Ehre - der Titel stammt von Sibelius selbst, obwohl er ihn nicht näher erläuterte. Außer mit der Musik selbst.
Gespielt werden die vier Quartette, ungewöhnlich, von zwei verschiedenen Ensembles - die drei Jugendwerke vom Sibelius-Akademie-Quartett, das ein Foto im Beiheft als vier gesetzte Herren mittleren Alters vorstellt. Die machen ihre Sache gut, mit Brio und Fingerspitzengefühl. Deshalb verblüfft es, dass ausgerechnet das reife Werk der "intimen Stimmen" einem Ensemble von Jungspunden anvertraut wurde, dem Neuen Helsinki-Quartett. Nicht mehr allerdings, wenn man sie hört: Die sind sogar noch besser. Höchst empfehlenswert, das Ganze!

Thomas Rübenacker, 07.03.2002



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

God Save the King, Rule Brittania, Tochter Zion. Was findet man nicht alles im Beethovenschen Œuvre, genauer gesagt unter den Variationswerken, wenn man nur ein bisschen in dem gräbt, was üblicherweise nicht zur Aufführung gebracht wird. Und so ist diese Gesamteinspielung der Werke Ludwig van Beethovens für Violoncello und Klavier von Nicolas Altstaedt und Alexander Lonquich zuallererst repertoiretechnisch interessant. Zumal sie die gesamte stilistische Bandbreite im Schaffen Beethovens […] mehr »


Top