Muss man dem armen Fritz Wunderlich alles ab- und dann auf CD pressen, was jemals irgendwo von ihm in ein Mikrofon gesungen wurde? Die Suche nach bisher nicht oder nur selten gehörten Sternstunden des Ausnahmesängers fördert nicht nur Erquickliches zu Tage, vor allem dann, wenn das Umfeld der Aufführung nicht stimmte. Heinz Mendes schwerfälliger Händel-"Messias" vom März 1959 jedenfalls mag getrost in den Archiven schlummern. In seiner Arie "Alle Tale" drängt Wunderlich mit seinen Koloraturen beherzt dem langsam dahinstampfenden Tempo des Dirigenten voraus; im vorausgehenden Rezitativ "Tröste dich" singt er deutlich zu hoch. Erfreulicher dagegen die Bach-Einspielungen unter Marcel Courand, die Wunderlich aus vertragstechnischen Grünen als "Werner S. Braun" absolvierte: Sie atmen bisweilen den Geist einer am Text orientierten Leichtigkeit und Flexibilität, die man bei Karl Richter – die live mitgeschnittene Tenorarie aus BWV 108, entstanden 1958 in einem Konzert in der Münchner Markuskirche, ist der einzige bisher unveröffentlichte Track auf dieser CD – leider schmerzlich vermisst. Wohin hätte sich Wunderlich womöglich noch entwickelt, wenn er lange genug gelebt hätte, um mit den wichtigen Protagonisten der historisierenden Aufführungspraxis in Berührung zu kommen, mag man sich angesichts der deutlich wahrnehmbaren Unterschiede in seinem Barockmusik-Gesangsstil fragen.
Interessant, ja mitreißend immerhin sein "Ingemisco" aus dem Verdirequiem, aufgezeichnet 1960 und bisher nur auf Myto Records zu haben: Wie italienisch konnte Wunderlich doch klingen! Auch hier blieben durch seinen frühen Tod große Hoffnungen unerfüllt. Kurz vor Schluss des Rezitals dann die einschlägigen Ausschnitte aus Karajans Salzburger "Schöpfung" von 1965, die es bei DG auch als Gesamtaufnahme gibt: Wertvoll als Zeugnis von Wunderlichs seelenvoller Interpretation dieser Partie, deren Studioaufnahme er ja bekanntlich nicht vollenden konnte, irritierend aber im Blick auf Karajans hypertroph-aufgemotzte Umsetzung dieser klassischen Partitur. Insgesamt also wühlt dieses Rezital den sensiblen Hörer eher auf, ja befremdet ihn streckenweise mehr, als es ihn erfreut – als Weihnachtsgeschenk nur sehr bedingt geeignet.

Michael Wersin, 21.12.2007



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