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Richard Strauss

Elektra

Alessandra Marc, Hanna Schwarz u.a., Wiener Philharmoniker, Giuseppe Sinopoli

Deutsche Grammophon 453 429-2
(103 Min.) 2 CDs

Exzess des Jahres? Sollte es einmal eine solche Kritikersparte geben, Sinopolis Elektra, nach Salome die zweite Strauss-Opern-Einspielung des Archäologen, Mediziners und dirigierenden Philosophen, sollte dazugezählt werden. Das liegt zum einen am Sujet dieser hundertminütigen Rache-Orgie, die Hofmannsthal nach Sophokles’ Atriden-Tragödie entwarf: Elektra, die Tochter des Agamemnon, ruht nicht eher (und tanzt in den wahnhaft-orgiastisch-tödlichen Racherausch hinein), bis Orest, ihr Bruder, den Meuchelmord am Vater blutig rächt - an ihrer Mutter Klytaemnestra und deren Liebhaber Aegisth. Zum anderen ist Strauss’ zweiter Einakter aus dem Jahre 1909 mit seinen hundertundelf Orchestermusikern (davon vierzig Bläsern) und einer überaus herb-dissonanten, nicht selten polytonal-expressiven Tonsprache sein aggressivstes und wohl auch zukunftsweisendstes Klanggebilde (Karikaturisten weideten sich denn auch an dem “Hexengekreisch” und der “elektrischen Hinrichtung” des Hörers).
Vor allem aber lässt Sinopoli keine Kompromisse zu. Er kostet die Strauss-Extreme aus - mit schneidend scharfem Blech, brachialem Schlagwerk sowie intensivsten Geigenvibrati. Dass gleichwohl keine amorphe Klangmasse aus den Boxen dröhnt, ist neben den Wiener Philharmonikern Sinopolis bekanntem Gespür für einen frappierend durchhörbaren, luziden Klang zu verdanken, der auch das heftigste Dreinschlagen und den ozeanisch weiten Teppich noch strukturiert.
Derart “gebettet” gelingt es den Sängern, über weite Strecken sich gegen die Orchesteropulenz zu behaupten. Zwar hat die Titelheldin Alessandra Marc hier mitunter in tieferen Registern ihres Mezzosoprans zu kämpfen (aber wer, selbst Birgit Nilsson, musste das nicht in dieser Rolle?). Ihre strahlenden Höhen aber, ihr bewunderungswürdiges Crescendo-Volumen, vor allem aber die physische Unbedingtheit, mit der sie sich auf ihre Rolle einlässt, verleihen ihrem Rachetaumel eine existentielle Glaubwürdigkeit, die einem manche Szene (wie die Wiedererkennungszene) durch Mark und Bein gehen lässt.
In nichts stehen ihr darin Hanna Schwarz und Deborah Voigt nach - Schwarz als Klytaemnestra mit phänomenal sonoren, tenoralen Tiefenregistern, Voigt als überschwenglich um Frieden ringende Schwester Elektras. Die kleineren Männerrollen liegen beim kernig auftrumpfenden Siegfried Jerusalem (Aegisth) und beim vibratoreichen und bassgewaltigen Samuel Ramey (Orest) ebenfalls in besten Händen. Sinopoli aber gibt sich erneut als großartiger Erwecker spätromantischer Orchesterkunst zu erkennen, wie sie nur jener Hexenmeister hervorzaubern konnte.

Christoph Braun, 30.04.1999



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