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Ludwig van Beethoven, César Franck, Johannes Brahms

Klaviersonate op. 27/2 cis-Moll ("Mondschein"), Präludium, Choral und Fuge, Paganini-Variationen

Evgeny Kissin

RCA/BMG 09026 68910 2

Jewgenij Kissin ist ein Romantiker: Er forscht im Klang, sucht den poetischen Ausdruck zwischen den Zeilen und spielt zum Beispiel die "Mondscheinsonate" so, wie es vielleicht E. T. A. Hoffmann gefallen hätte, dem komponierenden und philosophierenden Schriftsteller.
Was Kissin im ersten Satz von Beethovens op. 27 Nr. 2 heraufbeschwört, ist düstere Tiefe: Die Oberstimme kann im ersten Satz flehen und klagen; der von ihr durch gebrochene Akkorde getrennte lastende Bass bleibt ihr auf den Fersen wie der Schatten eines nächtlichen Wanderers im Mondlicht. Interessant an Kissins Ansatz ist die Vermischung von Gefühl, Poetik, aber auch neobarocker Strenge – alles Elemente, die das 19. Jahrhundert neben der Neigung zum Virtuosen geprägt haben. So läßt César Franck im "Choral" seiner Komposition "Prélude, Choral et Fugue" ausladende Arpeggien wie Kirchenglocken erklingen, bevor das orgelhaft breite Thema zu einer dichten kontrapunktischen Fantasie anhebt – die "Fuge" ist keinesfalls eine Bach-Imitation, sondern ganz dem Stil des späten 19. Jahrhunderts verpflichtet.
Die beiden Hefte der hochvirtuosen "Paganini-Variationen" von Brahms wirken in Kissins Programm-Dramaturgie wie ein ausgedehntes Finale, ein Schlusswort, auf das es nichts mehr zu erwidern gibt – und natürlich ist bei ihm nichts mehr zu spüren vom Etüdencharakter dieses Zyklus. Kissin schmilzt es in ein Monumentalwerk um, kompositorisch zusammengehalten durch Brahms' Prinzip der "entwickelnden Variation", dessen feine Verästelungen man nicht verstehen muss, um Kissins farbiges, vom Verklärend-Hypnotischen bis zur wilden Ekstase reichendes Spiel zu genießen.

Oliver Buslau, 28.02.1998



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