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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



Während seiner Dresdner Jahre (1921-24) hatte der Dirigent Fritz Reiner Richard Strauss persönlich kennen gelernt und ihn bei der Arbeit beobachten können; es muss für ihn ein bewegendes Erlebnis gewesen sein, etwa zweieinhalb Monate nach dem Tod des Komponisten die Met-Saison 1949/50 mit dem Rosenkavalier zu eröffnen. Sein Dirigat, so beweist es die vorliegende, klanglich leider aus technischen Gründen nicht allzu tiefenscharfe Aufnahme, provozierte auch an jenem Abend die feurige Brillanz, für die er bis heute bewundert wird, aber den unwiderstehlichen Charme, den vor allem die Wiener Philharmoniker beim Rosenkavalier an den Tag legen, konnte selbst Reiner aus dem Met-Orchester nicht herauskitzeln.
Aus dem fernen Europa standen Reiner Emanuel List als Ochs - er hatte als Jude 1934 aus Deutschland fliehen müssen -, und Erna Berger als Sophie zur Verfügung, ferner auch Peter Klein als Valzacchi - der hatte noch Ende August in derselben Rolle unter Szell bei den Salzburger Festspielen brilliert. Emanuel List hat als gebürtiger Wiener zwar die unabdingbare sprachliche Färbung einschließlich dem nötigen Schmäh, aber stimmlich liegen seine besten Tage hier wohl bereits hinter ihm. Außerdem geht er mehr als frei mit dem von Strauss zur Unterstützung der Deklamation doch sehr sinnvoll fest gelegten Tonhöhen seiner Partie um. Und Erna Berger, so bewundernswert ihr nachtigallengleicher Gesang auch ist, bringt für eine ganz überzeugende Sophie nicht die erforderliche Weiblichkeit auf die Bühne. In beiden Fällen sei zum Vergleich auf die schon erwähnte Produktion der Salzburger Festspiele 1949 (Andante) verwiesen: Jaro Prohaska begeistert dort als stimmlich wie darstellerisch fulminanter Ochs, und Hilde Güden darf wohl als eine der ersten (und insgesamt wenigen) idealen Sophien bezeichnet werden.
Zurück nach New York: Eleanor Steber macht ihre Sache als Marschallin ganz hervorragend, aber Risë Stevens, der Oktavian (zunächst) an ihrer Seite, vermag nicht gleichermaßen zu erfreuen: Registerprobleme sorgen für harsche Abstürze in die Bruststimme, und auch sonst kommt sie sängerisch nicht so gut zurecht. Hier sei zum erhellenden Vergleich nicht unbedingt auf Jarmila Novotná im Salzburger Mitschnitt von 1949, aber auf Sena Jurinac in Erich Kleibers Produktion von 1954 verwiesen. Aber genug genörgelt: Es wäre ungerecht, Reiners über weite Strecken rasanten Rosenkavalier ganz zu zerpflücken; die Gesamtleistung ist sicher respektabel, lässt sich doch gerade diese Oper fern ihrer Heimat nur sehr schwer befriedigend verwirklichen.

Michael Wersin, 05.06.2004



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