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Yardbird Suite

Frank Morgan

Contemporary/ZYX 1060-2
(49 Min., 1/1988) 1 CD

Frank Morgans Lebensgeschichte erinnert ein wenig an die Art Peppers. Beide waren in den fünfziger Jahren Altisten der amerikanischen Westküste, deren Drogenkonsum dazu führte, dass ihre Karriere in den folgenden Jahrzehnten überwiegend hinter geschlossenen Mauern stattfand. Wie bei Pepper ist bei Morgan das Spätwerk von einer besonderen Ausdruckstiefe, was auch bei ihm eine Neubewertung seines Schaffens seitens amerikanischer Kritiker zur Folge hatte. Man sollte sagen: New Yorker Kritiker. Denn die Kollegen nehmen einen Musiker der amerikanischen Westküste kaum wahr, wenn er nicht in New York gastiert. Und es ist nun einmal so, dass zumindest im Bebop die Fäden in New York gezogen werden.
Dieses Comeback Morgans fand in den späten achtziger Jahren statt, als auf dem Label Contemporary eine Reihe hervorragender Alben, darunter dieses, veröffentlicht wurden. Auf ihnen erscheint Morgan als Bebopper reinsten Wassers, der von Charlie Parker das ABC gelernt hat und in Parker, trotz Aufgeschlossenheit gegenüber neueren Entwicklungen, immer noch Alpha und Omega der Kunst sieht.
Besonders spannend wird es, wenn ein parkernaher Künstler ein Charlie-Parker-Tribut-Album vorlegt. Indem Morgan hier Stücke interpretiert, die von Bird stammen oder zu seinem Repertoire gehören, zeigt er besonderen Mut, denn nur wenige Altsaxofonisten würden sich einem so direkten Vergleich aussetzen, der ja fast zwangsläufig zu Ungunsten eines jeden Parker-Schülers ausgehen würde.
Gottlob ist Kunst kein Schlachtfeld, bei der es um Sieg des Besseren und Niederlage des Schlechteren geht. Beglückend ist schon das geistvoll Andere. Gerade indem Morgan (in Begleitung der jüngeren Musiker Mulgrew Miller, Ron Carter und Al Foster) im Parker-Repertoire wildert, wird offenbar, dass er alles andere als ein Klon des Meisters ist. Sechzehntelläufe bei Parker sind von chirurgischer Präzision, haben unerwartete Akzente. Bei Morgan sind sie ein kurioses Gehusche, das oft in einem Aufschrei endet. Dynamische Kontraste spielen bei Morgan eine größere Rolle als bei seinem Idol. Bird hingegen ist rhythmisch prägnanter. Morgan wiederum hat einen melancholischen Unterton und eine größere Neigung zum Rubato.
"Skylark", ein Song, den Parker zwar aufnehmen wollte, es aber aus irgendeinem Grund nicht tat, wird so zum Höhepunkt des Albums. Er beweist wieder einmal, dass die eigentliche Stärke dieses Urboppers paradoxerweise gar nicht in den Bebop-Themen, sondern in der Ballade liegt. Mit fast fragilem Sound erreicht Morgan in "Skylark" jene anrührende Qualität, die Amerikaner gern "bittersweet" nennen und in der Morgan ein Meister ist.
Mit seinem Parker-Tribut hat Morgan seine Selbstständigkeit bewiesen. Leider ist es in den letzten fünf Jahren wieder etwas still um ihn geworden. Schade; an ihm könnten sich nämlich die heutigen konservativen Jüngelchen ein Vorbild nehmen, wie man Bebop spielt ohne in Klischees zu verfallen.

Marcus A. Woelfle, 09.08.2001



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