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Footprints Live

Wayne Shorter

Verve/UMG 589 264-2
(63 Min.) 1 CD

Rückblicke lohnen sich. Besonders, wenn sie ein Musiker vom Kaliber Wayne Shorters unternimmt. Auf "Footprints Live" ist eine Werkschau festgehalten, die fernab jeglicher Nostalgie überwiegend in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück verweist und doch ins neue Jahrtausend passt.
Ein Widerspruch? Überhaupt nicht, denn jede große Musik erwächst aus der Kenntnis der Geschichte, aus dem Studium des Vergangenen, aus dessen kreativer Fortentwicklung - sei es per Negation oder per Modifikation oder per Addition von Neuem. Wayne Shorter erinnert sich im Quartett mit dem Pianisten Danilo Perez, dem Bassisten John Pattitucci und dem Schlagzeuger Brian Blade an alte Nummern wie "Sanctuary", das durch Miles Davis' Doppelalbum "Bitches Brew" bekannt wurde, sowie "Masquelero" von dessen Album "Sorcerer". Dazu kommen sechs Titel, die Shorter bereits auf eigenen Alben vorgestellt hatte: eine Adaption von Jean Sibelius' "Valse Triste" auf "The Soothsayer", "Go" aus "Schizophrenia", "Aung San Suu Kyi" auf dem Duoalbum "1+1" mit Herbie Hancock, "Footprints" auf "Adam's Apple" sowie "Atlantis" und "Juju" auf den jeweils gleichnamigen Alben.
Jedes dieser Stücke spielt die neue Band so herzerfrischend anders als auf den Ur-Veröffentlichungen - und doch bleibt die Handschrift unverkennbar. Was in den Sechzigern relativ geradlinig erklang, erfährt durch dieses rein akustisch spielende Quartett unerwartete Wendungen - auch Wayne Shorter hat die De-Konstruktion der Free-Ära und der Post-Free-Ära erlebt und daraus eigene Re-Konstruktionen abgeleitet, in denen die klare Linienführung durch Klangpunkte ersetzt wurde, deren Fülle und Gliederung wie ein Pendant zur Ästhetik des Pointillismus in der Bildenden Kunst wirkt, da auch hier aus der Summe der Tupfer ein zusammenhängendes, ganzheitliches Klangbild entsteht.
Unglaublich, wie sich das Tempo der "Footprints" gegenüber der Fassung von 1966 geändert hat, wie über Verzögerungen damals ungeahnte Spannung entsteht, die das Saxofon gurrt und lockt: Rund fünfunddreißig Jahre Musikgeschichte haben die damals perfekte Nummer verändert und eine nicht minder großartige neue Fassung entstehen lassen.
Sollen wir so mit der reichen Tradition des Jazz umgehen? Wohl schon, denn in den Live-Fassungen der alten Titel ist das Alte bestens bewahrt und doch nichts dem Jazzmuseum überlassen. Die Entwicklung blieb nicht stehen, und Wayne Shorter hat sich im Lauf der Zeiten gewandelt, blieb aber trotzdem er selbst. Eine Platte, die nicht nur wunderbare Musik zum Hören, sondern auch viel zum Denken gibt. Kaum zu glauben, dass Wayne Shorter am 25. August 2003 siebzig wird. Seine Musik ist wesentlich jünger und doch altersweise.

Werner Stiefele, 30.05.2002



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