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George Antheil

Ballet mécanique, Serenade für Streicher Nr. 1, Sinfonie für fünf Instrumente, Konzert für Kammerorchester

Philhadelphia Virtuosi Chamber Orchestra, Daniel Spalding

Naxos 8.559060
(59 Min., 10/1999) 1 CD

Flugzeugpropeller, Türklingeln und andere Geräuscherzeuger spielen die Hauptrolle in George Antheils "Ballet Mécanique", dem großen Skandalerfolg der zwanziger Jahre, in dem der seinen Ruf als "Bad Boy der Musik" sorgfältig pflegende Amerikaner die Essenz des musikalischen Futurismus zieht: Maschinenlärm und Alltagsgeräusche ersetzen den Wohlklang traditioneller Instrumente. Das Pariser Publikum konnte Antheil damit bei der Uraufführung 1926 entzücken, seine Landsleute hingegen waren entsetzt, und daraufhin war Antheils Ruf für lange Zeit erst einmal ruiniert.
Hört man das Werk heute, versteht man weder das eine noch das andere Rezeptions-Extrem. Hat sich der Reiz des ungewohnten Klangbilds erst einmal abgenutzt - und das geht sehr schnell -, stellt sich bald Langeweile ein, denn kompositorisch kocht Antheil - übrigens nicht nur in diesem Werk - ein recht dünnes Süppchen; nicht im entferntesten besitzen die ständigen Motivwiederholungen des "Ballet Mécanique" die Substanz etwa von Strawinskys "Sacre du printemps" oder Varèses "Amériques", um zwei weitere Skandalwerke der Zeit zu nennen. Aber wahrscheinlich war das auch gar nicht Antheils Absicht.
Zum Glück wird hier die revidierte Version von 1953 benutzt, die mit knapp sechzehn Minuten lediglich halb so lang und daher wesentlich erträglicher ist als die Originalversion. An der Interpretation gibt es nichts auszusetzen; Daniel Spalding verzichtet darauf, die Schockwirkung, die das Werk in früheren Jahrzehnten ausübte, nachvollziehbar zu machen, was ohnehin unmöglich wäre, und setzt stattdessen auf Transparenz und vibrierende Energie.
Wen die Dünnblütigkeit der Musik weniger stört als mich, wird seinen Spaß haben - zumindest bei den Rhythmusorgien des "Ballet Mécanique". Die anderen Werke hingegen können noch nicht einmal mit dem Bonus der originellen Besetzung punkten; sie zeigen Antheil als einen Komponisten, der stilistisch immer voll im Trend lag, ohne die Qualität seiner Vorbilder - Strawinsky und Milhaud in den frühen Werken, Schostakowitsch in der Streicherserenade von 1948 - auch nur annähernd zu erreichen.

Thomas Schulz, 01.12.1999



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