Michael Rische serviert uns hier einen bunten, peppigen Cocktail aus den "Goldenen Zwanzigern", dessen Zutaten von der Nettigkeit bis zum Meisterwerk reichen. Allein schon die Zusammenstellung der Konzerte und Concertinos von Copland, Honegger und Ravel (das für beide Hände) lohnte den Kauf der CD, doch als Zugabe gibt es noch eine Premiere, und zwar das Klavierkonzert Nr. 1 von George Antheil, von dessen Existenz man lange Zeit so gut wie nichts wusste und das Rische erst vor kurzem in New York wiederentdeckte. Die Uraufführung folgte auf dem Fuße, und hier ist nun die Ersteinspielung.
Wer die glanzvolle Wiederauferstehung eines verschollenen Meisterwerks erwartet, wird enttäuscht werden. Vielmehr finden sich, wie meist bei Antheil, mehrere Komponisten zum Preis von einem; hier sind es vor allem Strawinsky und der frühe Poulenc, mit deren Hilfe der zweiundzwanzigjährige Antheil in diesem konzertanten Einsätzer seine kompositorischen Fähigkeiten erprobt. Sein rhythmisches Talent steht bereits in diesem Frühwerk außer Frage, ebenso jedoch seine mangelnde Fähigkeit, aus verschiedenen Einflüssen etwas Eigenes zu formen. Es ist eine nett anzuhörende, mäßig freche und noch dazu, mit zwanzig Minuten, viel zu lange Ansammlung aller möglichen kompositorischen Einzelheiten, die damals als schick galten. Einige Momente lohnen das Anhören jedoch durchaus. Trotz allem gut also, dass es das Stück nun gibt und wir es hören können, wenn auch sicherlich nicht allzu oft.
Wie man aus ein paar modischen Zutaten eine Delikatesse zubereitet, zeigt Arthur Honegger in seinem Concertino von 1924: knapp, bündig, mit zehn Minuten kein Takt zu viel, und als Krönung im bluesartigen Finale noch ein echter Ohrwurm - das Paris der Zwanziger im Reclam-Format.
Michael Rische, der schon Antheil im besten möglichen Licht erscheinen lässt, bietet in Honeggers Werk die beste interpretatorische Leistung der CD, lässt "Coolness" funkeln wie eine Wunderkerze und wird dabei vom Kölner WDR-Orchester ebenbürtig unterstützt.
Auch in den Werken von Copland und Ravel kann Rische für sich einnehmen, wenn auch ein Tick mehr Verrucht- und Verrücktheit im zweiten Satz des Copland nicht geschadet hätte. Sowohl Copland selbst im Verein mit Bernstein (Sony) als auch das Gespann Garrick Ohlsson und Michael Tilson Thomas (RCA) haben hier das entscheidende Quäntchen mehr zu bieten. Das haben natürlich auch Pianisten wie Krystian Zimermann (DG), Arturo Benedetti-Michelangeli (EMI) und Louis Lortie (Chandos) im herrlichen Ravel-Konzert. Doch kann sich Rische, dem es lediglich im Kopfsatz an der nötigen Ruhe und Nonchalance zum Aussingen der Phrasen mangelt und der zudem gemeinsam mit dem Orchester mit einem beißend furiosen Finale aufwartet, deutlich oberhalb des Mittelfeldes behaupten.

Thomas Schulz, 01.12.1999



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