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Ludwig van Beethoven, Maurice Ravel, Claude Debussy, Johann Sebastian Bach u.a.

Klaviersonate Nr. 32, Sonatine, zwei Préludes u.a.

Clara Haskil

Music & Arts/Note 1 CD-859
(65 Min., 4/1953) 1 CD

Obwohl sich zu Beginn der fünfziger Jahre der Erfolg auf dem Konzertpodium endlich eingestellt hatte, stieß Clara Haskils Wunsch, Beethovens Opus 111 einzuspielen, bei der Firma Philips auf taube Ohren. Doch ob sie diese Aufgabe im Studio mit größerer innerer Beteiligung gelöst hätte als an diesem Apriltag 1953 bei den Ludwigsburger Festspielen, ist fraglich.
Notenreiner gewiß, der krachende Fehlgriff im zweiten Maestoso-Oktavsprung bezeugt ebenso wie die messerscharfen Punktierungen einen inneren Überdruck. Clara Haskil spielt den Kopfsatz dann auch mit einem entfesselten motorischen Elan, der nicht einmal ein kleines Ritardando gestattet, um die berühmte "Opus-111-Lokomotive" der Reprise schnaufend in Gang zu setzen. Die Bewegung mündet in den männlich hingedonnerten c-Moll-Marsch der Schlussgruppe, eine Ballung der Energien, die zum Bild der leidenden Heiligen kaum passen mag.
Das Coda-Nachbeben des Marsches in der rastlos kreisenden Sechzehntelfigur, die die zusammensinkenden Akkorde gleichsam überrollt, verrät, dass diese Unruhe sich so schnell nicht legen wird, mag sich die Variationenreihe der Arietta auch noch so behutsam in Bewegung setzen. Aber schnurren und glitzern die Zweiunddreißigstel der vierten Variation erst einmal, stoppt nichts diesen erlesenen Mechanismus. Rastlos drängt Clara Haskil durch diesen modulatorischen Engpass. Die folgende Wiedergeburt des Themas in der fünften Variation wird nicht zum befreiten Jubel, Haskil treibt einem unerlösten, diesseitigen Ende entgegen - und einem durchaus psychologisch deutbaren mächtigen Patzer kurz davor.
Etwas ratlos lässt uns die Pianistin zurück, die doch in diesem Programm, in hinreißenden, silbrig-perlenden, vielleicht gar Horowitz überflügelnden Scarlatti-Sonaten, in zwei Debussy-Etüden und Ravels Sonatine, in die Region reinsten Spiels vorstieß. Doch was so entrückt, ja immateriell, der Arietta-Welt Beethovens zugehörig erscheint, ist etwas anderes. Wir begegnen dem höchsten Grad der Verfeinerung, den die französische Schule mit ihrer Heiligung handwerklicher Meisterschaft erreichen kann. Die Kunst eines göttlichen Uhrmachers. Jene tatsächliche Entmaterialisierung des Opus-111-Prozesses aber entzieht sich seiner Rationalität.
Clara Haskil, reinblütige Exponentin des Pariser Conservatoire, ahnt diese Schwelle, sie sucht den expressiven Durchbruch, und dieses höchste Scheitern sagt uns mehr über dieses Werk als all die bemüht weihevollen Auslegungen.

Matthias Kornemann, 14.03.2002



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